Das bosnische Zusammenleben der Religionen - Modell für Europa
In Kassel fand eine bedeutende interreligiöse Diskussionsveranstaltung statt, mitorganisiert von der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland – Gemeinde Sandžak-Kassel. Vertreter der evangelischen, katholischen und islamischen Gemeinschaft sowie der Stadt Kassel sprachen über den Platz der Religion in der Politik. Das bosnische Modell des friedlichen Zusammenlebens wurde als Vorbild für Europa vorgestellt.
Kassel, 27. Oktober 2025 – In der neu eröffneten Moschee der IGBD-Gemeinde Sandžak-Kassel fand ein großer interreligiöser Dialogabend statt.
Unter dem Titel „Wie politisch muss Religion sein?“ und „Das bosnische Zusammenleben der Religionen – ein Modell für Europa?“ kamen Vertreter verschiedener Religionen, Akademiker sowie Repräsentanten der Stadt Kassel zusammen, um über Verantwortung, Glauben und gesellschaftliches Engagement zu diskutieren.
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Eröffnung: Religion als gemeinsame Verantwortung
Die Veranstaltung eröffnete Imam Dr. Alen Golać, Imam der Gemeinde Sandžak-Kassel.
Er betonte in seiner Ansprache:
„Es ist schön, wenn Religionen gemeinsam für das Gute eintreten, zum Guten aufrufen und damit auch die Politik inspirieren.“
Die Moderation übernahmen Nadja Ahmad und Donja Banai, während der Gemeindevorsitzende Almir Gracić, eine Führung durch die Moschee leitete und die Geschichte und Bedeutung der neuen Gebetsstätte erläuterte.
Gracić begrüßte die über 100 anwesenden Gäste – deutlich mehr als ursprünglich angemeldet – und sprach über die Rolle der Moschee in der Gesellschaft:
„Das Gebet ist ein Akt der Würde und Hingabe an Gott. Niemand muss sich davor schämen. Der Islam ist eine friedliche und offene Religion.“
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Das bosnische Modell des Zusammenlebens – eine Inspiration für Europa
Im ersten Panel mit dem Thema „Das bosnische Zusammenleben der Religionen – ein Modell für Europa?“ diskutierten Pfarer Dr. Andreas Götze (Evangelische Kirche), Imam Dr. Alen Golać und Almir Gracić.
Dr. Götze, der Bosnien und Herzegowina mehrfach besucht hatte, sagte:
„In Bosnien leben die Religionen seit Jahrhunderten in gegenseitigem Respekt. In Sarajevo stehen Kirchen, Synagogen und Moscheen dicht beieinander – das ist Europa in seiner schönsten Form.“
Er erinnerte daran, dass Juden bereits 1575 in Bosnien Zuflucht fanden, wo ihre Synagogen bis heute sicher sind und keiner Polizeibewachung bedürfen.
„Multireligiöses Leben ist möglich, wenn gegenseitiger Respekt besteht“, so Götze.
Gemeindevorsitzender Almir Gracić ergänzte:
„Der Islam ist Teil der deutschen Gesellschaft. Moscheen sollten nicht in Hinterhöfen verborgen sein, sondern sichtbare, würdevolle Institutionen sein – wie Kirchen. Wir sind Teil dieser Stadt und dieses Landes und wir alle zusammen prägen ein wunderschönes, gut gelungenes Stadtbild.“
Hauptimam der IGBD, Aldin Kusur, fügte hinzu:
„Multireligiösität ist Teil unserer Identität. Wir Bosnier leben seit Jahrhunderten mit Angehörigen anderer Religionen – von den Bogumilen über das Osmanische Reich bis heute.“
Zum Thema Srebrenica sagte Gracić:
„Die Mütter von Srebrenica haben der Welt Würde gezeigt. Sie haben den Mördern ihrer Kinder ins Gesicht geschaut und gesagt: ‚Nie wieder!‘ Dieses ‚Nie wieder‘ müssen wir leben, nicht nur aussprechen.“
Aldin Kusur rief dazu auf, die Srebrenica-Gedenkveranstaltungen in Deutschland zu unterstützen, damit die Erinnerung lebendig bleibt und zur Mahnung für die Menschheit wird.
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Panel: Wie politisch sollte Religion sein?
Der zweite Teil des Abends wurde von Dr. Rüdiger Jungbluth (Evangelische Kirche, Leiter des Evangelischen Forums Kassel) moderiert.
Auf dem Podium saßen:
Oberbürgermeister Dr. Sven Schöller,
Aldin Kusur (Hauptimam der IGBD),
Imam Dr. Alen Golać,
Pastoralreferentin Frau Ahr (Katholische Kirche)
und Dr. Glöckner (Stadtdekan der Evangelische Kirche).
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Zentrale Aussagen der Referenten
Imam Dr. Alen Golać:
„Es geht nicht darum, ob Religion politisch sein darf, sondern wie weit sie wirken soll. Religion darf keine Ideologien dominieren, sondern soll moralische Werte stärken, Frieden fördern und das Gemeinwohl unterstützen.“
Aldin Kusur:
„Gläubige sind aktive Mitglieder der Gesellschaft. Religionen müssen vorsichtig sein, wenn sie sich einmischen, aber mutig genug, Missstände klar anzusprechen. Unsere Stimmen müssen gehört werden.“
Dr. Glöckner:
„Jedes Gebet ist eine politische Haltung. In der DDR waren Kerzen stärker als Waffen. Religion ist von Natur aus gesellschaftlich relevant.“
Frau Ahr:
„Es gibt keine unpolitische Theologie. Gott steht auf der Seite der Schwachen, der Entrechteten, der Armen. Religion muss kontextuell politisch sein – an der Seite derer, die keine Stimme haben.“
Oberbürgermeister Dr. Schöller:
„Wer sich für das Gemeinwohl einsetzt, ist in diesem Sinne Politiker. Wenn Menschenwürde verletzt wird, sind wir alle verpflichtet zu handeln. Ja, es gibt eine Pflicht, sich politisch zu äußern – im Namen der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit.“
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Publikumsfragen und Diskussion
In der anschließenden Fragerunde wurden aktuelle Themen angesprochen:
politisches Engagement der Jugend, Erziehung zu Werten, der Krieg in der Ukraine und religiöse Verantwortung in Krisenzeiten.
• Dr. Glöckner betonte, man müsse junge Menschen ermutigen, aus ihrem Glauben heraus politisch aktiv zu werden.
• Frau Ahr sprach über die Verantwortung religiöser Führer, offen und ehrlich über gesellschaftliche Missstände zu reden.
• Aldin Kusur wies auf die aktive Jugendorganisation der IGBD hin.
• Dr. Schöller forderte die ältere Generation auf, junge Menschen nicht zu frustrieren, sondern ihnen zuzuhören.
Zum Thema Ukraine sagte Aldin Kusur mit sichtbarer Emotion:
„Als Bosnier berührt mich diese Frage tief. Auch wir wurden angegriffen, und die Welt sah lange zu. Vielleicht, weil wir Muslime sind. Die Ukraine verdient Unterstützung – aber wir dürfen andere leidende Völker nicht vergessen.“
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Abendsegen der Religionen – ein Symbol des Friedens
Zum Abschluss des Abends sprachen Vertreter der drei Religionsgemeinschaften einen gemeinsamen multireligiösen Abendsegen, der die Veranstaltung würdevoll abrundete.
Katholische Kirche – Frau Ahr:
„Gott segne dich am Abend, wenn die Schatten des Tages über dich gekommen sind. Er schenke dir Liebe, Hoffnung und Vertrauen – den Segen des Himmels und der Erde.“
Evangelische Kirche – Dr. Glöckner:
„Gott segne dich und schenke dir mutige Augen, Ohren, Hände und ein Herz, das liebt, wo Lieblosigkeit herrscht – damit du ein Ermutiger in dieser Welt sein kannst.“
Islam – Fahrudin Džinić (Hauptimam des Landesverbandes Hessen):
„O Allah, Du bist der Friedensstifter, und von Dir kommt aller Frieden. Schenke Frieden unseren Herzen, Familien und der Welt. Lehre uns Geduld, Dankbarkeit und Toleranz. Segne unsere Handlungen mit Weisheit, unsere Herzen mit Liebe und unsere Gemeinschaften mit Gerechtigkeit. Amin.“
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Schlussgedanke
Der Abend in Kassel zeigte eindrucksvoll, dass Religionen Brücken bauen können, wenn sie sich auf ihre gemeinsame Botschaft besinnen: den Menschen zu dienen, Frieden zu fördern und das Gute zu mehren.
„Das bosnische Modell des Zusammenlebens ist ein Vorbild für Europa – es beweist, dass Vielfalt keine Bedrohung, sondern ein Reichtum ist“, so die Organisatoren der Gemeinde Sandžak-Kassel.
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