Der Islam zum Umgang mit Fremden (Midhat Hajrović)

– Wer sind Fremde?

Am Anfang finde ich es sehr wichtig, eine Frage zu stellen: Was bedeutet eigentlich  „Fremde“? Ist das jemand in unserer Nähe, den wir gar nicht kennen, jemand von dem wir gar keine Ahnung haben? Wie gut soll ich jemanden kennen, um zu sagen: Er ist mir nicht mehr fremd. Wenn ich über Fremde rede, meine ich dann einzelne Personen oder eine Gruppe?

Kann ich über eine Gruppe sagen: Ich kenne sie, nur weil ich ein Mitglied der Gruppe kennengelernt habe?

Mir ist es passiert dass Leute überraschend sagen: „Ich habe gedacht, ich kenne die Muslime, aber nachdem ich Sie kennengelernt habe, wurde mir klar, dass ich die Muslime nicht richtig kenne.“

Egal, was diese Feststellung bedeutet hat, ob ich diese Person begeistert oder enttäuscht habe. Wichtig ist dieses verbreitete Phänomen zu verallgemeinern: Kenne ich einen, kenne ich alle. Ist das so?

Kann man einen Wald nur durch einen einzigen Baum kennenlernen? Kann man ein Buch nur durch Lesen einer einzigen Seite bewerten?

Oder  ist es doch so, dass man eine Suppe nicht auslöffeln muss, um festzustellen, ob sie versalzen ist?

Durch Verallgemeinerung beraubt man sich selbst der Chance, einer Sache auf den Grund zu gehen, etwas näher kennenzulernen, das vielleicht doch anders ist, als man ursprünglich dachte.

Andererseits kann es sein, dass wenn wir über Fremde reden, wir Leute meinen, die wir formal kennen, wir wissen wie sie heißen, wie sie aussehen, wo sie wohnen, was und wo sie arbeiten, aber es sind Leute, die nicht unserem Kultur- oder Religionskreis gehören. Das können auch meine Nachbarn sein, das können meine Arbeitskollegen sein. Überraschenderweise können das sogar die Mitglieder meiner Familie sein!

Schauen wir jetzt einmal, was ist mit den Angehörigen der gleichen Kultur oder gleichen Religion. Können sie für mich auch Fremde sein. Antwort ist: ja. Sie können für mich auch Fremde sein. Zum Beispiel, es gibt Themen, die ich nur im Kreis meiner Familie bespreche. Es gibt bestimmte Themen, die ich nur mit meiner Frau bespreche. Diese Gespräche teile ich mit anderen Leuten nicht, obwohl sie auch Muslime sind. In dem Fall, sind sie für mich Fremde.

Ich will an dieser Stelle nicht übertreiben, das Ziel war nur zu zeigen dass das Wort „Fremde“ viele Bedeutungen haben kann. Wir werden uns in diesem Tekst nur auf eine Bedeutung konzentrieren und zwar, fremd ist jemand, der nicht zu meiner Religion gehört.

– Quellen des Islam

Was sagt der Islam nun zum Umgang mit Fremden? Immer wieder, wenn man über die Stellungnahme des Islam zu bestimmten Themen redet, sollte man zu den Quellen des Islam zurückkehren. Die Quellen des Islam sind:

Der Koran (arabisch ‏القرآن‎) – Die erste Quelle, die Heilige Schrift des Islam. Der Koran ist für die Gläubigen das unverfälschte wörtliche Offenbarung Gottes, die ranghöchste Quelle des Glaubens, das Buch  das keinen Anlaß zum Zweifel gibt99.

Die Sunna (arabisch ‏سنة‎)  – Die zweite Rechtsquelle neben dem Koran sind die Worte, Handlungen und die schweigenden Billigungen Mohammeds (saws), des Gesandte Gottes und Siegels der Propheten100.

Idjma (arabisch إجماع) – Die Übereinstimmung, im religiösen Kontext meint der Konsens der Rechtsgelehrten im Urteil zu einem bestimmten Thema. Entweder können die Rechtsgelehrten die gleiche Ansicht zu einem bestimmten Thema äußern oder kann mindestens ein Rechtsgelehrter eine Ansicht äußern, der von den anderen Rechtsgelehrten der Zeit nicht widersprochen wird.

Qiyas (arabisch قِيَاس) – Nicht alle Rechtsfälle oder Aspekte der kultischen Handlungen anhand von Koran und der Sunna des Propheten und seiner Gefährten oder durch idjma der Gelehrten können gelöst werden. Rechtsvorschriften, die ursprünglich aus den ersten drei Quellen des Fiqh abgeleitet waren, versuchte man durch Analogie auf neue, noch nicht gelöste Fälle zu übertragen.

– Islamische Grundsätze

Es ist praktisch unmöglich, alle islamischen Grundsätze, die für dieses Thema relevant sind, darzustellen. Jedoch wir können drei1 davon erwähnen und so werden wir versuchen festzustellen, welche Stellungnahme der Islam zum Thema Umgang mit Fremden hat.

  1. Koexistenz nach Gottes Wille

Es ist Gottes Wille, dass die Menschen so unterschiedlich sind. Der Koran sagt:

„Und wenn Allah gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht. Er wollte euch aber in alledem, was Er euch gegeben hat, auf die Probe stellen. Darum sollt ihr um die guten Dinge wetteifern.“ (Koran, 5:48)

Der Koran sagt uns nicht nur, dass die Menschen unterschiedlichen Religionen angehören. Er informiert uns auch, dass manche Leute nicht an Gott glauben werden:

„Und hätte dein Herr es gewollt, so hätten alle, die insgesamt auf der Erde sind, geglaubt. Willst du also die Menschen dazu zwingen, Gläubige zu werden?“ (Koran, 10:99)

Also, Nichtmuslim sein und Nichtgläubig sein ist für Muslime Realität, etwas das existiert und etwas, das man auf keinen Fall zwingend ändern soll. Wir sind verpflichtet, unsere Welt so zu akzeptieren. Deswegen sagen wir, wir leben zusammen nach Gottes Wille und warum soll ein Gläubiger etwas gegen Gottes Wille tun?

  1. Universelle Werte vor religiösem Formalismus

Man denkt manchmal, es gibt einen Konflikt zwischen universellen Werten und Gerechtigkeit auf der einen Seite und spezifischen religiösen Werten auf der anderen Seite. Dieser Konflikt ist nur scheinbar. Man denkt, etwas basiert auf dem Islam, obwohl es damit gar nichts zu tun hat. In vielen muslimischen Ländern  herrscht Diktatur. Heute ist es besser als vor 10 oder 20 Jahren, aber es sind immer noch schlechte Zustände. Die Diktatoren geben sich als Gläubige aus, sie gehen in Moscheen, sie beten vor den Kameras. Aber in Wirklichkeit sind sie nicht gerecht, sie behandeln ihre Mitbürger ungerecht und verletzen deren Rechte und deren Würde.

Der Koran sagt:

„Wahrlich, Allah gebietet, gerecht (zu handeln), uneigennützig Gutes zu tun und freigiebig gegenüber den Verwandten zu sein; und Er verbietet, was schändlich und abscheulich und gewalttätig ist. Er ermahnt euch; vielleicht werdet ihr die Ermahnung annehmen.“ (Koran, 16:90)

Deswegen hat eine große Autorität im Islam, Imam Ibn-Tejmijje gesagt: „Allah unterstützt einen nichtmuslimische Herrscher, der gerecht ist und unterstützt nicht einen Herrscher, der Muslim ist, aber nicht gerecht.“

  1. Anerkennung derjenigen, die eine andere Glaubensrichtung oder Meinung haben

Es ist sehr wichtig zu betönen, dass die Legitimität einer Person nicht von seiner Religion oder seiner Meinung abhängig ist. Ein Muslim, ein einfacher Gläubiger kann sich eine Frage stellen: Wenn meine Reiligion die richtige ist, wenn ich die Wahrheit kenne und besässe, wenn ich das Recht habe, wie kann ich einem anderen die Legitimität anerkennen? Antwort ist ganz einfach: Weil lieber Gott ist Derjeniger der ihm die Legitimität gegeben hat. So sagt der Gott im Koran:

Und wahrlich, Wir haben die Kinder Adams geehrt und sie über Land und Meer getragen und sie mit guten Dingen versorgt und sie ausgezeichnet eine Auszeichnung vor jenen vielen, die Wir erschaffen haben. (Koran, 17:70)

Also, hier Gott spricht von Kinder Adams, nicht von Muslime, Juden, Christen sondern von Kinder Adams. Gott hat die Kinder Adams geehrt. Wer sind die Kinder Adams? Das sind wir alle!

Das sind drei islamischen Grundsätze die uns eine Vorstellung geben können, wie man überhaupt mit Fremden, was immer das bedeutet,  umgehen soll.

Um noch bisschen Licht auf dieses Thema (Was sagt Islam zum Umgang mit Fremden) zu werfen  werden wir noch einige Koransätze oder Hadithe Zitieren.

Was sagt Islam zu …?

… den Christen und Juden.

Und streitet nicht mit dem Volk der Schrift; es sei denn auf die beste Art und Weise. Ausgenommen davon sind jene, die ungerecht sind. (Koran, 29:46)

„Wenn ihr eine Beerdigung seht, so erhebt euch ….“. Und so geschah es, dass einmal eine Beerdigung stattfand, und der Prophet erhob sich, da sagte einer zu ihm, es ist bloß die Beerdigung eines Juden! Da antwortete der Prophet: „ Ist es denn keine Seele!“.

… Gäste.

„Ist die Geschichte von Abrahams geehrten Gästen nicht zu dir gekommen?

Als sie bei ihm eintraten und sprachen: “Frieden!” sagte er: “Frieden, unbekannte Leute.”

Und er ging unauffällig zu seinen Angehörigen und brachte ein gemästetes Kalb. Und er setzte es ihnen vor. Er sagte: “Wollt ihr nicht essen?” (Koran, 51:24-27)

…  Nachbarn.

„Und dient Allah und setzt Ihm nichts zur Seite; und seid gut zu den Eltern und zu den Verwandten, den Waisen, den Armen, dem Nachbar, sei er verwandt oder aus der Fremde, …“  (Koran, 4:36)

“Bei Allah, er glaubt nicht! Bei Allah, er glaubt nicht!” Er wurde gefragt:
“Wer, oh Gesandter Allahs!?” Er sagte:
“Einer, dessen Nachbar nicht sicher ist vor seiner Bosheit.”

Wer satt ist, während sein Nachbar hungrig ist, ist nicht wahrhaftig gläubig.”

Aisha (r) berichtete:
Es sagte der Prophet Allahs:
“Gabriel empfahl mir so oft gute Behandlung des Nachbarn, dass ich dachte, er würde ihn vielleicht zum Erben und Nachfolger erklären. “

– Menschenrechte

Da dieses Thema in einem engen Zusammenhang mit dem Thema „Menschenrechte“ steht, sagen wir zum Schluß daß sich der Begriff „Menschenrechte“ weder im Judentum noch im Christentum oder im Islam entwickelt hat.2 Trotzdem und trotz der unterschiedlichen Normenhierarchie (das westliche Recht kennt eine normative Rangfolge, im Islam sind sämtliche Normen der Scharia als gleichrangig aufzufassen), sollen muslimischen Juristen einer islamischen Menschenrechtslehre weiter entwickeln.

Fußnote:

1) – Ahmet Alibašić: The Place for Others in Islam

2) – Murad Hofmann: Der Islam im 3. Jahrtausend

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