11.07.2025
Liebe Geschwister,
alles Lob und aller Dank gebühren allein Allah, dem Erhabenen, der es uns ermöglicht hat, uns an diesem gesegneten Freitag an dem Ort zu versammeln, der Ihm am liebsten ist – in Frieden, in Freiheit, an einem Datum, das für Musliminnen und Muslime aus Bosnien eine besondere Bedeutung trägt. Heute ist der 11. Juli – ein Tag, der sich tief in das Gedächtnis der Bosniaken eingebrannt hat. Denn an diesem Datum ereignete sich vor dreißig Jahren das größte Verbrechen – ein Genozid – auf europäischem Boden nach dem Holocaust. Schätzungsweise über 8.000 muslimische Bosniaken wurden innerhalb von drei Tagen ermordet. Die Weltöffentlichkeit schwieg.
Wie einst der Pharao in Ägypten, der die männlichen Kinder der Israeliten töten ließ und die Frauen verschonte, um ein Volk zu vernichten:
وَجَعَلَ أَهْلَهَا شِيَعًۭا يَسْتَضْعِفُ طَآئِفَةًۭ مِّنْهُمْ يُذَبِّحُ أَبْنَآءَهُمْ وَيَسْتَحْىِۦ نِسَآءَهُمْ
„Eine Gruppe davon pflegte er zu unterdrücken, indem er ihre Söhne erschlug und ihre Frauen leben ließ…“ (Sura al-Qaṣaṣ 28:4)
so töteten serbische Nationalisten gezielt männliche Bosniaken – allein wegen ihres Namens, ihres Glaubens, ihrer Herkunft. Es war ein geplantes Auslöschen einer Gemeinschaft – ihrer Körper, ihrer Geschichte, ihrer Erinnerung.
Doch ebenso wie der Plan des Pharaos scheiterte, und Musa sein Volk zur Errettung führte, scheiterte der Plan der serbischen Nationalisten, denn der Mensch aus Srebrenica lebt heute und berichtet über seine Geschichte. Es ist die Gerechtigkeit Gottes, dass jene, die unterdrückt werden, irgendwann siegen und über erlebte Ungerechtigkeit ermahnen werden:
وَنُرِيدُ أَن نَّمُنَّ عَلَى ٱلَّذِينَ ٱسْتُضْعِفُوا۟ فِى ٱلْأَرْضِ وَنَجْعَلَهُمْ أَئِمَّةًۭ وَنَجْعَلَهُمُ ٱلْوَرِثِينَ
„Und Wir wollten denen, die im Lande als schwach erachtet worden waren, Huld erweisen und sie zu Führern machen und zu Erben einsetzen.“ (Sura al-Qaṣaṣ 28:5)
Der Pharao, der sich über das menschliche Leben erhob, endete als abschreckendes Zeichen für kommende Generationen:
فَٱلْيَوْمَ نُنَجِّيكَ بِبَدَنِكَ لِتَكُونَ لِمَنْ خَلْفَكَ ءَايَةًۭ ۚ
„Nun wollen Wir dich heute dem Leibe nach erretten, auf dass du ein Beweis für diejenigen seiest, die nach dir kommen.“(Sura Yūnus 10:92)
Und jene Menschen, Mächte und Instanzen, die wie der Pharao darauf bestehen, das menschliche Leben zu zerstören, werden wie der Pharao selbst auf dem Müllhaufen der Geschichte landen und ein Beispiel der Unmenschlichkeit für die kommenden Generationen bleiben.
Der Völkermord von Srebrenica – mitten in Europa, vor den Augen der Welt – führt uns vor Augen, dass unsere Haltung gegenüber Leid nicht von Gleichgültigkeit geprägt sein darf. Der Koran ruft uns auf:
يَـٰٓأَيُّهَا ٱلَّذِينَ ءَامَنُوا۟ كُونُوا۟ قَوَّـٰمِينَ لِلَّهِ شُهَدَآءَ بِٱلْقِسْطِ ۖ وَلَا يَجْرِمَنَّكُمْ شَنَـَٔانُ قَوْمٍ عَلَىٰٓ أَلَّا تَعْدِلُوا۟ ۚ ٱعْدِلُوا۟ هُوَ أَقْرَبُ لِلتَّقْوَىٰ ۖ وَٱتَّقُوا۟ ٱللَّهَ ۚ إِنَّ ٱللَّهَ خَبِيرٌۢ بِمَا تَعْمَلُونَ
„O die ihr glaubt! Seid standhaft für Allah und Zeugen für die Gerechtigkeit. Und der Hass auf ein Volk soll euch nicht davon abhalten, gerecht zu handeln. Seid gerecht; das steht der Gottesfurcht näher. Und fürchtet Allah. Gewiss, Allah ist kundig dessen, was ihr tut.“ (Sura al-Māʾida 5:8)
Wenn der Wert des Lebens an Herkunft, Religion oder Hautfarbe gemessen wird, wenn das Leid des einen über dem Leid des anderen steht, dann haben wir als Menschheit versagt. Srebrenica ist ein Mahnmal gegen das Vergessen – gegen die Entmenschlichung und gegen das Schweigen.
Wir leben in einer Welt, in der Unrecht, Unterdrückung und Kriegsverbrechen weiterbestehen. Es liegt nicht in unserer Macht, alles Leid zu verhindern. Aber es liegt in unserer Verantwortung, das Erinnern zu bewahren – und das Schweigen zu durchbrechen. Die Geschichte lehrt: wer Gleichgültigkeit gegenüber Unrecht übt, macht sich mitschuldig.
Deshalb dürfen der Holocaust, Srebrenica und andere Genozide nicht nur historische Kapitel bleiben. Wir müssen sie verstehen als Warnung, unsere Kinder gegen Hass und Intoleranz zu sensibilisieren – gegen Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie und jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Wir müssen sie zu Menschen erziehen, die die Würde des Anderen achten, demokratische Werte schätzen und die Freiheit respektieren – auch die des Andersdenkenden.
Es ist unsere Verantwortung, die Geschichte von Srebrenica lebendig zu halten – nicht nur innerhalb der bosniakischen Gemeinschaft, sondern auch in der Gesellschaft, in der wir leben und wirken. Denn Srebrenica ist kein rein bosniakisches Thema. Es betrifft alle Muslime – und im Grunde die gesamte Menschheit.
Srebrenica steht heute als erschütterndes Symbol für das Leid von Muslimen auf europäischem Boden. Wir müssen diese Wahrheit benennen und weitertragen – damit andere lernen, verstehen und erkennen: Menschen wurden ermordet, einzig und allein, weil sie als Muslime gelesen wurden. Weil ihre Namen anders klangen, ihr Gottesbild anders war oder sie einfach als „anders“ galten.
Lassen wir nicht zu, dass diese Geschichte in Vergessenheit gerät. Erzählen wir sie unseren Nachbarn – und ganz besonders unseren Kindern. Machen wir es zu unserer persönlichen Aufgabe, wenigstens einmal im Leben das Gedenkzentrum in Srebrenica zu besuchen – nicht nur, um zu erinnern, sondern um uns selbst von der Geschichte prägen und verändern zu lassen.
Zum Schluss bitten wir Allah, den Allbarmherzigen:
Lieber Gott,
wir bitten Dich heute eindringlich, dass die Worte „nie wieder“ nicht nur Worte bleiben, sondern zu einer gelebten Haltung werden — hier und überall auf der Welt. Lass unsere Erinnerungen keine Wurzel des Hasses sein, sondern ein Same des Friedens. Lass die Mahnung von Srebrenica unsere Herzen bewegen, damit wir uns gemeinsam gegen Unrecht erheben und kein Unschuldiger jemals wieder solches Leid ertragen muss.
Stärke uns darin, unsere Kinder und Nachkommen so zu erziehen, dass sie die Menschenwürde achten und bewahren, und dass sie die Gefahren erkennen, die in Hass, Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit verborgen liegen. O Gott, schenke uns den Mut, als Weltgemeinschaft niemals mehr zu schweigen, so wie wir einst geschwiegen haben, damit Unrecht nie wieder geschehen kann. Lass in Gaza, im Sudan, im Jemen, in der Ukraine und überall auf der Welt die Waffen schweigen. Befreie die Gefangenen, beende die Unterdrückung, heile die Wunden der Entrechteten.
O Allah, lass die Trauer zu Hoffnung werden, die Rachsucht zu gerechter Ordnung, die Tränen der Mütter zu Gebeten, und dass sich Srebrenica niemals, niemandem und nirgends wiederholt.
Amin.
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