Mufti Aziz Hasanović: Das im Irak/Syrien ausgerufene Kalifat ist ein Schandfleck für die gesamte islamische Welt

Der Mufti der Islamischen Gemeinschaft in Kroatien, Aziz Hasanovic, äußert sich in einem Interview für die kroatische Tageszeitung „Jutarnji list“ zu verschiedenen aktuellen Fragestellungen. Nachfolgend ein Auszug aus dem Interview.

763471

Sind Sie der Meinung, dass sich die heutige Gesellschaft in einer moralischen und weltanschaulichen Krise befindet? Dass wir uns unter dem Druck von liberalen Ideen befinden, die die Tradition gefährden?

Elemente einer moralischen Krise sind auf jedem Schritt erkennbar. Die Mission der Kirchen und der Religionsgemeinschaften liegt darin, die moralische Grundstruktur der Gesellschaft zu stärken und auf die Gefahren hinzuweisen, die einhergehen mit dem Verlust moralischer Werte. Staat und Religionsgemeinschaften müssen bei der Lösung dieser Probleme als Partner agieren.

Es gibt eine Vielzahl von Fragen, die den Religionsgemeinschaften Sorgen bereiten: gleichgeschlechtliche Ehen, Abtreibung, Erziehung. Über diese Fragen wird heftig diskutiert.

Wenn es um die moralische Dimension in der Gesellschaft geht, herrscht bei allen Religionsgemeinschaften Einigkeit. Wir verlangen für die Institution der Ehe und Familie eine würdige und verdiente Stellung. Ehe und Familie stellen die Grundfeste einer natürlichen und gesunderen Entwicklung der Gesellschaft dar. Gleichsam werden wir niemanden verurteilen und ihm unsere Auffassung aufzwingen. Denn wenn es Gott so gewollt hätte, dann hätte er uns allesamt vollkommen gleich geschaffen. Gott hat eine Vielzahl von Orientierungen zugelassen sowie das Recht eine eigene Wahl zu treffen. Aber auch viele Erscheinungen, die vom Standpunkt des Glaubens her unnatürlich sind, und bei welchen versucht wird, sie als natürlich darzustellen. Das geht so nicht. Wir werden an den Pranger gestellt, wenn wir Gesundheit und Familienleben bewerben und verteidigen. Wir können über vieles diskutieren, aber hier handelt es sich um einen glaubensbedingten Standpunkt. Diejenigen, die gläubig sind, sind dem verpflichtet und müssen danach handeln. Andere werden ihren Weg selbst wählen und das ist ihr Problem. Wir stellen uns einer zeitgemäßen Gesellschaft nicht in den Weg.

Wir lehren, dass Kinder zeitgemäß zu erziehen sind. Zeitgemäß heißt in diesem Zusammenhang, dass sie für die Zeit zu erziehen sind, in der sie leben werden. Nicht für die Zeit, in der ihre Eltern gelebt haben oder leben. Unsere Pflicht ist es, die Kinder zu fördern und für die Zeit auszurichten, in der sie leben werden. Denn jede Zeitepoche ist eine Besonderheit für sich. Trotzdem ist es von Bedeutung, dass wir dabei die Grundfeste des Glaubens schützen, die den Kern der Moral eines Menschen ausmachen. Ich als Muslim kann nicht akzeptieren, dass Sterbehilfe und Abtreibung Lösungen für gesellschaftliche Probleme darstellen sollen. Oder dass Kinder durch das anschauliche Demonstrieren eines sexuellen Aktes erzogen werden. Ich habe ein sehr ausgeprägtes Verständnis für Demokratie, jedoch möchte ich ausdrücklich betonen, dass der Mensch so leben muss, dass er mit seinen Handlungen Gottes Wohlgefallen erlangt.

Verspüren Sie in Kroatien eine anti-islamische oder anti-muslimische Stimmung?

Aus eigener Erfahrung sowie aus dem täglichen Kontakt mit den Gemeindemitgliedern kann ich sagen, dass ich eine solche Stimmung nicht verspüre. Wir sind ein wesentlicher Bestandteil Kroatiens. Unsere Gemeinschaft begeht bald ihr 100-jähriges Bestehen in Kroatien. Unsere Stellung in Kroatien ist so ausgestaltet, dass sie vielen anderen Ländern in der Welt als Beispiel dienen kann. Dieses Modell könnten wir exportieren. Nach unserem Beispiel könnte die Stellung der Muslime in Europa gelöst werden. Aber was ich auch immer wieder bei meinen Besuchen in islamischen Ländern betone ist, dass nach diesem Modell die Rechte der christlichen Glaubensgemeinschaften in diesen Ländern geregelt werden könnten. In Kroatien haben wir ein besonderes Vertragswerk, dass die Stellung der Islamischen Gemeinschaft innerhalb des Staates sowie unsere Rechte und Pflichten regelt. Es handelt sich hier um ein Modell, nach dem jede Glaubensgemeinschaft ihre Mission vollziehen kann. Vor nicht allzu langer Zeit konnte ich bei einem Treffen auch Papst Franziskus von diesem Modell berichten. Er erwiderte erfreut und zufrieden, dass viele zu ihm kommen und von Problemen berichten, ihm hier aber auch eine Lösung präsentiert wurde. Als ich davon in Brüssel berichtete, sagte ein schwedischer Minister zu mir, dass er keine jüngere Demokratie gesehen habe, die auf diesem Feld größere Standards hat.

Gegenwärtig sind in der Welt einige gefährliche Schauplätze von kriegerischen Auseinandersetzungen zu beobachten, die den Menschen Sorge bereiten. Ein Großteil davon auf dem Gebiet der arabischen, islamischen Welt: Gaza, Syrien, Irak, Lybien. Auch ist eine militärpolitische Macht entstanden, der sog. Islamische Staat (IS), der Schrecken und Terror verbreitet. Viele sprechen von einem neuen Generationenkonflikt, einem neuen Glaubenskrieg?

Betonen möchte ich meine große Zufriedenheit darüber, dass zwischen den Parteien in Gaza, zwischen Israelis und Palästinensern, ein Übereinkommen erzielt wurde, das Frieden wiederhergestellt hat. Dies zeigt einmal mehr, dass nichts mit Panzern gelöst werden kann, sondern nur mit Gesprächen.

Andererseits haben wir die besorgniserregende Erscheinung dieser „IS“-Bewegung, wo von einer Errichtung eines Kalifats berichtet wird, was eine Schande für die gesamte islamische Welt darstellt. Die Muslime, die wissen was ein Kalifat ist, erinnern sich an die ersten vier gerechten Kalifen, Ebu Bekr, Omer, Osman und Ali. Die Muslime, die wissen was ein Kalifat ausmacht und darstellt, beobachten mit Verachtung und Abscheu die Handlungen dieser „IS“-Bewegung im Namen des Islam.

Ich möchte betonen, dass diese Handlungen und Schandtaten dem Islam und den Muslimen den größten Schaden zufügen. Diese Bewegung ruft nun einen universellen islamischen Staat aus und beruft sich dabei auf das erste Kalifat. Dieses erste Kalifat jedoch war geprägt von Verschiedenartigkeit und Pluralismus. In diesem ersten Kalifat unter dem Propheten Muhammed s.a.w.s. lebten sowohl Muslime, als auch Christen und Juden. Das was die „IS“-Bewegung als Kalifat verkaufen möchte ist nicht nur eine Verspottung und Entwertung des Begriffes Kalifat, sondern auch der Institution eines Modells eines Islamischen Staates, das sich Kalifat nennen kann.

Gleichsam ist es sehr verwunderlich, dass nicht bekannt ist, wer hinter dieser organisierten Bewegung steht, die über modernste Waffentechnik verfügt. Wer bewaffnet diese Gruppe und wie? Wer steht hinter ihr? Es fällt mir schwer daran zu glauben, dass dies nicht bekannt bzw. nachprüfbar ist.

Ich schließe mich allen Appellen an, dass die barbarischen Taten dieser Gewalttäter, die Menschen wegen ihres Glaubens verfolgen und töten, gestoppt werden. Wir müssen alle unseren Beitrag dazu leisten, dass die Menschen, die unter diesem Terror leben und leiden müssen, gerettet werden. Wir alle müssen uns gegen diese Gewalttäter erheben, die im Namen des Islam und unter dem Begriff des Kalifats diese Gräueltaten begehen. Das was diese Bewegung macht, hat mit universellen islamischen Prinzipien und dem Willen Gottes rein gar nichts zu tun. Ich bin mir sicher und hoffe, dass sie dafür Gottes Strafe ernten.

(Quelle: www.jutarnji.hr / Übersetzung ins Deutsche: E.A.)

Nema komentara.

Upišite komentar