Interview der Islamischen Zeitung mit hfz. Sulejman ef. Bugari: „Wichtig ist die Präsentation des Guten und Schönen“

(iz). 19 Jahre nach dem Ende des Bosnienkrieges haben die bosniakischen Muslime zwar immer noch mit teils erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen, sie stellen aber auch ein erhebliches Potenzial für die muslimische Gemeinschaft Europas insgesamt dar. Obgleich schon die gleiche Praktizierung und die Glaubenselemente sie mit Muslimen in aller Welt verbinden, haben sie aber auch einen besonderen Erfahrungshorizont, der es Wert ist, in Westeuropa gehört zu werden.

sulejman bugari

Hierzu sprachen wir unter anderem mit Imam Hafis Suleyman Bugari. Er wurde 1966 im kossovarischen Orahovac geboren. In Sarajevo und in Medina schloss Bugari seine islamischen Studien ab. Seit 1999 ist der Imam in einer lokalen Gemeinde im Sarajevoer Stadtteil Vratnik. Hafis Suleyman Bugari ist offiieller Drogenbeauftragter der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien Herzegowina und hat vier Bücher geschrieben, von denen zwei auf Deutsch erschienen sind.

Islamische Zeitung: Lieber Imam Suleyman Bugari, Sie arbeiten als Imam in einer Moschee in Sarajevo. Wie gestaltet sich das religiöse Leben der Muslime in Bosnien?

Hafis Sulejman Bugari: Im Vergleich zur Zeit vor dem Krieg, ist die Situation heute mit Bezug auf die freie Glaubensausübung, den freien Informationszugang und die Möglichkeit, dass wir uns selbst repräsentieren können, besser. Dies gilt ebenso für die Anhänger der anderen Konfessionen in Bosnien-Herzegowina. Das alte System hatte Gläubige verfolgt, stellte sie vor verschiedene Versuchungen und Schwierigkeiten.

Das heißt, dass den Leuten keine Möglichkeit gegeben wurde, das zu sein, was sie sein wollten und ihren Glauben so zu präsentieren, wie sie es wünschten. Nun steht diese Möglichkeit jedem offen: Muslimen, Katholiken, Serbisch-Orthodoxen, Juden und allen anderen Konfessionen. Der Krieg brachte die Schrecken des Genozids und der Aggressionen mit sich. Über diese Schrecken müssen wir sprechen und wir müssen sie in Erinnerung behalten, damit der Mensch nicht durch Unwissenheit aus seiner Natur herausbricht.

Doch jedes Problem bringt auch eine verborgene positive Seite mit sich, denn der Herr prüft sowohl mit Gutem als auch mit Schlechtem, damit wir besser werden und unserem wahren Selbst näher kommen. Nach diesen Versuchungen ergibt sich eine neue Möglichkeit für jeden, sein wahres Benehmen zu zeigen.

Heute haben wir einen qualitativ besseren Zugang zum Glauben. In Bosnien und Herzegowina sind die Möglichkeiten zum Wirken offen, sodass jeder sich definieren, seine Überzeugung aussprechen und sie repräsentieren kann. Das ist ein Grundrecht eines jeden Menschen und vor diesem Hintergrund denke ich, dass die Situation viel besser geworden ist.

Islamische Zeitung: Was sind die größten Herausforderungen, vor denen die bosnischen Muslime stehen?

Hafis Sulejman Bugari: Wenn wir über die Herausforderungen, mit welchen sich die bosnischen Muslime konfrontiert sehen, sprechen, dann können wir das im Kontext der globalen Herausforderungen aller Muslime betrachten – und letztlich, im globalen Kontext der Herausforderungen aller Konfessionen und aller Gläubigen.

Eine Herausforderung ist der Globalisierungsprozess, in welchem die ganze Welt zu einem Dorf wird, wo sich verschiedene Kulturen der ganzen Welt treffen. Der Muslim, wo auch immer er sich befinden mag, hat die Aufgabe zu präsentieren, was er ist, woran er glaubt, Unklarheiten zu beseitigen, Stellung zu beziehen und dass er alle anderen kennenlernt. Denn der Herr erinnert jeden mit folgenden Worten: „O ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Gewiss, der Geehrteste von euch bei Allah ist der Gottesfürchtigste von euch. Gewiss, Allah ist Allwissend und Allkundig.“ (Hudzurat, Ajat 13)

Wer vor dem Dialog flieht, der flieht vor sich selbst. Wer sich selbst nicht kennt, wie soll er den anderen kennen und verstehen? Wer vor Begegnungen flieht, der flieht vor Beweisen, vor der Wahrheit. Diese Herausforderung ist interessant und verlockend, denn der Islam befürwortet Offenheit, Kommunikation und Dialog, den Austausch von Ideen, welche die unterschiedlichen Sichtweisen der Welt und des Lebens verbessern werden.

Meiner Meinung nach ist das die eigentliche Aufgabe der Globalisierung: Sie soll für alle zwischenmenschlichen Probleme Lösungen anbieten und nicht selbst Teil der Probleme sein, wie beispielsweise bei der Anstachelung von Hass oder Gewalt und dergleichen.

Unter den Herausforderungen, welche alle Menschen – vor allem die Jugendlichen – betreffen, gehören Drogen sowie andere psychostimulierende Substanzen, welche den menschlichen Charakter und seine Psyche zerstören. Diese Seuche hat sich nach dem Krieg massiv ausgebreitet. Die Jugendlichen wurden abseits gelassen, während einzelne Strukturen die menschliche Ehre zur Manipulation heranziehen, in ihrem Trachten alles zu materialisieren. In diesem Kreis werden die Jugendlichen extremen Herausforderungen und damit Gefahren ausgesetzt, wo sie den Sinn des Lebens und all das, was sie zu Menschen macht, verlieren können.

Ich akzeptiere es nicht, wenn Leute sagen „..er ist doch selbst schuld, wenn er mit Drogen angefangen hat!“. Nein wir sind alle dafür verantwortlich – die Familie, die Schule, die Prediger, die Nachbarn, die Medien, die Politiker etc. Für alles gibt es eine Medizin. Wir müssen uns mit uns selbst beschäftigen, mit dem Ziel, dass der Mensch seinen Platz in der Gesellschaft bekommt, dass seine Ehre, sein Vermögen, seine Natur – letztlich alles Menschliche unversehrt beschützt wird! Das ist das, was jeder Muslim befürwortet, vor allem die Muslime in Bosnien Herzegowina.

Selbstverständlich ist auch die virtuelle Welt eine Prüfung: Mit einem Klick, ohne jegliche ernsthafte Kontrolle, verschafft man sich Zugang zu Inhalten, welche den menschlichen Kern zerstören, vor allem bei den Jugendlichen. Wir sind Zeugen, wie die virtuelle Welt täglich Verderben stiftet und was hier alles zur Verfügung gestellt wird. Auch auf diesem Gebiet haben wir die Herausforderung, uns für den Schutz jedes Gläubigen, jedes Menschen einzusetzen!

Islamische Zeitung: In den letzten Jahren wurden immer wieder Befürchtungen laut, dass extreme Einflüsse aus dem Nahen Osten negative Auswirkungen auf den Balkan haben. Stimmt das und wenn ja, wie sehen diese aus?

Hafis Sulejman Bugari: Wenn es um die islamischen Prinzipien geht, müssen wir uns bewusst sein, dass die Quellen des Islam der Qur’an und die Lebenspraxis des Propheten Muhammad sind, der mit seinem Benehmen und Handeln den Islam so präsentiert hat, wie er tatsächlich ist. Er ist das Vorbild für alle Zeiten, von welchem wir auch heute noch Richtlinien für unser Benehmen, unseren Glauben und unsere Lebensweise ableiten können.

Da es ja verschiedene Herangehensweisen an den Text Gottes gibt, gibt es viele Systeme, die den Text Gottes missbraucht haben; das ist historisch belegt. Der Herr spricht davon im Qur’an, dass es jene gegeben hat, die den Text Gottes für materialistische Zwecke eigenhändig verändert haben, mit dem Ziel eine Position beziehungsweise einen Vorteil zu erlangen. Wir müssen begreifen, dass es auch im Islam oberflächliche und halbherzige Herangehensweisen gibt, vor allem, wenn sie von einer Generation an die nächste vererbt werden und traditionelle Gewohnheiten und Rituale untergemischt werden, wobei diesen die gleiche – oder sogar noch größere – Bedeutung gegeben wird als dem göttlichen Text.

Es ist nicht verwunderlich, dass diejenigen, welche die islamische Weltanschauung von der vorhergehenden Generation erben (oder aufgezwungen bekommen), ohne selbst darüber nachzudenken und ohne eine liebevolle Haltung zum Glauben, eine seltsame Einstellung entwickeln: Sie fühlen sich von Gott berufen zu lenken und sie denken, dass sie in Glaubensfragen eine Exklusivität besitzen. Ein solches Benehmen stellt nicht das Paradigma des islamischen Glaubens dar. Deswegen sollte man zwischen der kulturellen Erbschaft des Islam und der kulturellen Erbschaft der Muslime unterscheiden. Im kulturellen Erbe des Islam gibt es keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass irgend jemandem auf irgendeine Weise Gewalt angetan wird oder dass jemandem eine Weltanschauung aufgezwungen wird.

Einflüsse extremer Ansätze können wir nicht leugnen, es gibt sie sicherlich. Wir müssen aber wissen, dass ihre Wurzel die Unwissenheit ist und wir müssen gemeinsam das Unwissen bekämpfen und nicht die Menschen.

Dieses Erbe überträgt sich von Generation zu Generation und hat teilweise auch Bosnien und Herzegowina erfasst – vor allem in der Nachkriegszeit. Die Mehrheit weiß vielleicht bis heute nicht, dass es vier anerkannte Rechtsschulen gibt, welche die praktische Ausübung des Glaubens definiert haben. Im Kern aber haben sie zum Ziel, das Verständnis der Lebenspraxis des Gesandten Gottes zu erleichtern, da er aufgrund von verschiedenen Situationen und Gemütszuständen die Glaubensriten unterschiedlich ausgeübt hat. In der Tat haben unterschiedliche Bedingungen, Situationen und Verhältnisse dazu geführt, dass der Prophet unterschiedliche Antworten auf gleiche Fragen gab. Dieses adaptive Verhalten des Gesandten verstehen nur wenige und berücksichtigen das bei Ihrem Tun und Handeln nicht. Allein die Tatsache, dass das Wort Gottes nach und nach herab gesandt wurde, ist ein klarer Beweis dafür, dass die Reifung und Entwicklung der Seele Zeit benötigt – es ist ein Prozess, der dauert.

Es gibt jedoch Lehren, die versuchen, die Rechtsschulen zu negieren. Dabei entstehen Meinungsverschiedenheiten, welche zu Extremen und Bedingungslosigkeit führen. Häufig geschieht dies aus guter Absicht, in der Annahme, dass dies die Praxis des Propheten sei – das Resultat sind aber Vorurteile und Feindseligkeit. Wenn wir in dieser Frage den wahren Kern suchen, werden wir finden, dass die Rechtsschulen eine große Barmherzigkeit Gottes sind, damit wir ganzheitlich in die Praxis des Propheten hinein blicken können. Die Meinungsverschiedenheiten finden in Randthemen statt, nicht in den fundamentalen Fragen des Glaubens. So hat ein Aufdrängen der eigenen Glaubenshaltung stattgefunden, was grundsätzlich im Islam verboten ist und gar keine Grundlage hat. Das bestätigt uns auch Gottes Wort: „Und wenn dein Herr wollte, würden fürwahr alle auf der Erde zusammen gläubig werden. Willst du etwa die Menschen dazu zwingen, gläubig zu werden?“ (Junus, 99)

Wichtig ist die Präsentation des Guten und Schönen in bester Art und Weise. Damit wird der Raum für das Verstehen des Glaubens geöffnet, das heißt, dass man mit Gläubigen anderer Glaubensrichtungen mit der schönsten Sprache spricht, was zugleich auch eine Vorschrift im Qur’an ist: „Wenn ihr diskutiert, tut es auf die schönste Art und Weise mit den Leuten der Schrift und lasst uns über die Gemeinsamkeiten zusammenkommen.“

Wichtig ist auch, dass wir allumfassende und verbindende Worte finden und dass wir andere Meinungen und Richtungen respektieren und miteinander im Guten wetteifern, so wie es im Buche Gottes geschrieben steht: „Jeder hat eine Zielrichtung, zu der er sich hinwendet. So wetteifert nach den guten Dingen! Wo immer ihr auch sein werdet, Allah wird euch alle herbeibringen. Allah hat zu allem die Macht.“ (Al-Baqara, 148) 
Ich glaube, dass die extreme Sichtweise bei den Menschen eine Phase war, welche den Glauben übereifrig korrekt ausüben wollten. Sie waren auf dem Weg zu den Wurzeln, als sie auf andere Sichtweisen trafen, jedoch mit einem oberflächlichen Ansatz. Jeden Tag aber eröffnen sich den Menschen Möglichkeiten für Flexibilität und für ein besseres Verstehen und Kennenlernen des Glaubens. Auch Sie sind Zeitzeugen, dass der Islam in der Zeit in der wir leben unbekannt, ja marginal war. Jetzt ist der Islam offen, so wie jeder andere Glaube, jedes andere Prinzip, jede andere Idee und so möge doch jeder selbst aussuchen, was für ihn am besten ist.

Islamische Zeitung: Fast 20 Jahre nach dem zerstörerischen Krieg wird das Land immer wieder von politischen und wirtschaftlichen Krisen erschüttert. Welchen Beitrag können die Muslime Ihres Landes bei der Verbesserung der Situation leisten?

Hafis Sulejman Bugari: Alle guten Menschen, Muslime und Nichtmuslime, können vieles zum Fortschritt der Gesellschaft beitragen. Dies kann man auch bei den verschiedenen zwischenreligiösen Treffen feststellen, welche in Bosnien Herzegowina schon eine sehr lange Tradition haben. Diese Treffen werden von Jahr zu Jahr immer besser. Im Dialog haben wir die Möglichkeit, uns öffentlich zu präsentieren, uns öffentlich für das Gute in der Gesellschaft einzusetzen.

Damit öffnen wir uns in jeder Hinsicht, mit dem Ziel, das zu betonen, was wir alle gemeinsam haben und dabei voll und ganz das Recht des anderen, sich in seiner Glaubensüberzeugung zu zeigen und aber auch diese zu vertreten, zu respektieren. Keiner darf den anderen belästigen – das ist die Lebenspraxis Muhammads.

Wenn wir diese oben beschriebenen Prinzipien beherzigen und leben, dann kann Bosnien Herzegowina ein sehr reiches Land werden.

Islamische Zeitung: Es gibt ja mehrere mehrheitlich muslimische Staaten beziehungsweise Siedlungsgebiete auf dem Balkan. Gibt es eine regionale Kooperation unter den muslimischen Gemeinschaften und Gelehrten?

Hafis Sulejman Bugari: Vor dem Krieg gab es sechs Republiken und in jeder gab es eine bestimmte Anzahl von Muslimen – mal waren sie in der Mehrheit, mal in der Minderheit. Damals gab es nur eine Islamische Gemeinde mit der Zentrale in Sarajevo. Sarajevo war der Anker der Seele und die Basis für alle Muslime des ehemaligen Jugoslawiens. Ferner war dort die Fakultät der Islamwissenschaft und die Medressen.

Der Kontakt und die Zusammenarbeit sind auch heute wirklich gut. Es gibt natürlich kleinere Unebenheiten, denn es sind ja nun immerhin eigenständige und getrennte Staaten, aber die Muslime des ehemaligen Jugoslawiens sehen weiterhin Bosnien-Herzegowina als ihre geistige Quelle und suchen hier Halt. Konkret ist eine meiner Aufgaben, im Namen der Islamischen Gemeinschaft Bosnien-Herzegowinas diese Gebiete (und darüber hinaus) zu bereisen, um die Zusammenarbeit zu erhalten und zu entwickeln, sodass Vorurteile bei jedem über jeden abgebaut werden.

Islamische Zeitung: Vor einiger Zeit haben Sie eine interessante Sammlung Ihrer Freitagspredigten (Khutbas) veröffentlicht, die auch auf Deutsch erschienen ist. Was war die Absicht dieses Buches und wie sah die Reaktion Ihrer Leser aus?

Hafis Sulejman Bugari: Es freut mich besonders, dass mir auf diese Art und Weise ermöglicht wurde, mich an alle Menschen zu wenden. Damit sich aber ein Mensch an alle Menschen wenden kann, ist es wichtig, dass er das lebt, was er den Menschen überbringt – also das, was er sagt, mit dem, wie er im Alltag lebt, verbindet.

Der Herr hat es mir ermöglicht, eine Art von Veränderung zu erleben, eine Art ernsthafteres Begegnen mir selbst gegenüber, sodass ich tiefer blicken konnte, warum ich hier bin, welche Rolle ich habe, etc. Ich wollte verstehen, worin die Ursachen für die unterschiedlichen Sichtweisen der verschiedenen Weltanschauungen liegen, den Kern begreifen, warum wir verschiedene Glauben haben, warum Gott es gegeben hatte, dass so viele verschiedene Glauben und Religionen existieren. Natürlich habe ich die Antwort in Gottes Buch, dem Koran, gefunden – der Herr gab den Glauben als eine Prüfung. Früher habe ich gedacht, dass der Glaube mir gehört, aber der Glaube ist nicht mein Privatbesitz. Ich habe verstanden, dass der Glaube ein Geschenk, ein Segen ist und als Barmherzigkeit jedem Menschen angeboten wird. Natürlich darf keiner in seiner Auswahl gestört werden, denn keine Ehre darf beschädigt werden.

In diesem Geiste probierte ich meine Art des Zugangs zum Glauben und zu anderen Menschen, mit anderen zu teilen. Denn bis dato war ich mit meiner Art nicht zufrieden, denn diese war arrogant, starr und egoistisch. Ziel war es, anderen zu zeigen, wie ich mich mit der Quelle verbunden habe und wie ich damit in Einklang leben konnte. Das ist ein schwerer Happen für jeden. Aber wenn sich ein Mensch ernsthaft dem Leben zuwendet, wenn er sich ernsthaft fragt, was er begehrt, was er wirklich will, warum er da ist, was sein Ziel des Lebens ist, was seine Hauptbeschäftigung ist etc., dann muss das zu einem Resultat führen.

Diese Art zu denken hat in mir etwas ausgelöst, dass ich angefangen habe, mit mir selbst zu kämpfen, dass ich von meinen egoistischen Vorlieben Abstand nehme, dass ich von der Privatisierung des Glaubens ablasse, dass ich von Vorurteilen gegenüber anderen und anderem Abstand nehme, dass ich all das fallen lasse, womit ich jemanden anderen beunruhigen könnte. Erst dann hatte ich über die Definition des Gläubigen erfahren – gläubig ist derjenige, von dessen Übel alle Menschen verschont werden. Besonders berührte mich der Spruch des Gesandten Gottes: „Ihr werdet keine wahrhaftigen Gläubigen sein, bis ihr nicht allen Menschen das Gleiche wünscht, wie euch selbst.“

Ich hatte einen oberflächlichen Ansatz zum Verständnis des Glaubens – vielleicht habe ich ihn sogar jetzt noch in vielen Fragen, die mir noch in der Tiefe verborgen sind. Deswegen ist es wichtig, offen und nicht ausschließlich zu sein. Früher dachte ich, dass ein Mensch, der Muslim ist, gut sein muss und dass er keinen Fehler machen darf. Inzwischen habe ich gelernt, dass ein Muslim fehlgehen, angreifen, neiden, betrügen und lügen kann. Einem Gläubigen, der eine Stufe über dem Muslim ist, kann das nicht passieren.

Eine Ajat aus dem Koran bewegte mich zum Titel für mein Buch, wo Gott spricht: „Und wendet euch eurem Herrn reuig zu und seid Ihm ergeben, bevor die Strafe über euch kommt, worauf euch keine Hilfe zuteil werden wird.“ (Az-Zumar, 54)

Dieser koranische Imperativ gilt für die Gläubigen. Mit Blick auf die Tatsache, dass viele Muslime den Glauben als Erbe bekommen haben, wie wir es schon zuvor erwähnt haben, benötigen sie ein Erwachen, eine Wiederbelebung des Glaubens in ihnen selbst, damit sie zu ihrem Herrn zurückkehren können.

Selbst wenn der Muslim seinen Glauben praktiziert und die Leute denken, dass er gut ist, weiß er, was in ihm wirklich innewohnt: Er weiß, wie er schaut, ob er neidisch, arrogant und dominierend ist und was er mit seinen guten Taten wirklich beabsichtigt … Das sind Stationen, durch welche jeder Muslim gehen muss, wenn er den Glauben durch seine Geburt erhalten hat. Es gibt welche, die um ihre negativen Eigenschaften Bescheid wissen, aber sie möchten sie nicht eingestehen, sie wollen sich nicht mit dem eigenen Ego anlegen. Die Mehrheit weiß nicht mal, dass auch der Glaube zu unseren größeren Prüfungen gehört.
Leuchtende Beispiele finden wir hingegen bei denjenigen, die zum Islam konvertiert sind. Sie nehmen die Religion mit Liebe und Verstand an. Oft sind sie die besseren Praktiker und auch Qur’ankommentatoren. Dies sind alles Beweise dafür, dass der Islam niemandes Eigentum ist.
Kehren wir also zurück zum Herrn. Wenn wir den Islam mit der Zunge, mit Teilen des Körpers angenommen haben, so bedeutet das nicht, dass wir ihn mit der Seele und dem Herzen angenommen haben. Deswegen spricht Gott „kehre zurück“, denn die Umkehr erfolgt aus dem Inneren und nicht von außen. Rückkehr bedeutet eine Umwandlung, eine Umwandlung mit seinem ganzen Wesen, das heißt, dass wir mit unserem ganzen Wesen die Praxis des Gesandten, welche jedes Herz erobert, absorbieren. Und das war der Grund, welcher mich dazu brachte, das Buch mit den Khutbas zu veröffentlichen. Es ist etwas ungeschickt als Autor über die Reaktionen der Leser zu reden, dazu sollte man am besten die Leser befragen.

Das ist die Barmherzigkeit Gottes und Er gibt sie, wem Er will. Befreien wir uns von unseren Vorurteilen. Wir leben in der Zeit der Offenheit und das, was von uns verlangt wird, ist Offenheit, Flexibilität, Breite, Tiefgründigkeit – damit werden wir ein Verständnis für all das bekommen, womit wir heute nicht einverstanden sind.

Islamische Zeitung: Das führt uns zur letzten Frage. Gerade in Ihren Khutbas verweisen Sie auch auf traditionelle beziehungsweise klassische Quellen des islamischen Wissens. Können die europäischen Muslime des Balkans hier einen Beitrag für die Community in ganz Europa leisten?

Hafis Sulejman Bugari: Das ist geradezu die Mission einer Gemeinschaft mit solcher Struktur und einem solchen Reichtum an Vielfalt. Die Menschen in Bosnien und Herzegowina leben auf den Grundlagen von Respekt, Dialog und Achtung vor dem Anderssein. Es gab immer solche, die diesen Reichtum an Vielfalt zerstören wollten. Aber der Herr ist der beste Beschützer. Die Praxis des Propheten ist, den anderen Glauben zu respektieren. Der Erhabene sagt im Koran: „Und schmäht die nicht, welche sie statt Allah anrufen, sonst würden sie aus Groll ohne Wissen Allah schmähen.“ (Al-An’am, 108). Dieser Vers ist der Beweis, dass ein Muslim keinen Glauben und kein Heiligtum beleidigen darf. Der Gläubige weiß, dass derjenige, der den Glauben oder das Heiligtum eines anderen beschimpft, durch diese Tat seinen Glauben verlässt.

Ich habe eine tiefe Überzeugung, dass die Muslime in Bosnien und Herzegowina das größte Potential in der Welt darstellen. Diverse Mächte und Systeme haben versucht, sie zu bezwingen. Doch sie haben zu jeder Zeit ihre Tradition geschützt, ihren Glauben und ihre Kultur bewahrt auf der Basis ihres Respekts gegenüber allen Menschen. Das ist ein unermesslicher Reichtum. Es gibt nur wenige Gegenden in der Welt, in denen die Beziehung zum Glauben und zur Wissenschaft so ausbalanciert ist. Die meisten Menschen wenden sich der Wissenschaft zu – und vernachlässigen den Glauben. Und umgekehrt, sie widmen sich dem Glauben – und vernachlässigen die Wissenschaften.

Der Orient gibt dem Glauben den Vorzug und vernachlässigt die Wissenschaften, während der Westen den Wissenschaften den Vorzug gibt und den Glauben vernachlässigt. Keines von beidem ist richtig. Der richtige Weg ist der mittlere Weg – der ausbalancierte Zugang zum Leben. Der Lehrer der Welt, der Prophet Muhammed, sagte: „Der beste unter euch ist der, der dieser Welt nicht zugunsten des Jenseits schadet, und der dem Jenseits nicht zugunsten dieser Welt schadet, und der den Menschen nicht zur Last fällt.“

Ein echter gläubiger Muslim verbindet also den Glauben und die Wissenschaft und fällt den Menschen nicht zur Last. Gerade in Bosnien sehen wir diese geglückte Verbindung des Glaubens und der Wissenschaft. Nur auf diese Weise kann diese Gemeinschaft dem kompletten Europa und der ganzen Welt das richtige Bild zeigen – mit ihrer Offenheit und Flexibilität, mit ihrem Verständnis der Unterschiede und Weltanschauungen.

Der mittlere Weg ist der Weg des Propheten. Das ist der Weg der Liebe und Güte gegenüber jedem Menschen, befreit von jedem materiellen Interesse. Ein Weg, der nur ein Ziel hat – dass unser Herr zufrieden mit uns ist, und wir brauchen nichts anderes.

Islamische Zeitung: Lieber Hafis Sulejman Bugari, herzlichen Dank für das Interview.

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