Tage des Mahnens und Erinnerns

Srebrenica2007Wiesbaden, 20.07.2014 – Bosniaken in der ganzen Welt gedachten dieser Tage den Ofpern des Völkermordes von Srebrenica. Vor den Augen der gesamten Weltöffentlichkeit, unterstützt durch die Passivität der UN-Blauhelmsoldaten und ihrer Befehlshabenden, wurde am 11.07.1995 die damalige „UN-Schutzzone Srebrenica“ gestürmt. In den folgenden Tagen wurden Tausende Männer und Jungen erschossen und in Massengräbern verscharrt. Noch immer sind nicht alle Opfer identifiziert, da viele Überreste auf bis zu fünf verschiedene Massengräber verteilt wurden. Damit sollten die Greueltaten vertuscht werden.

Man gedenkt dieser Tage den unschuldigen Opfern von Srebrenica. Gleichsam erinnert man aber auch an die systematischen ethnischen Säuberungen und Tötungen von Menschen in Prijedor, Vlasenica, Bratunac und Zvornik. So erinnert man auch an die 70 Frauen, Kinder und ältere Menschen, die in Visegrad in ein Haus eingepfercht und bei lebendigem Leibe verbrannt wurden. Auch erinnert man an die 1600 Kinder, die während der Belagerung der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina durch Granatenbeschuss und Heckenschützenfeuer mit beispielloser Feigheit ermordet wurden.

Rund um den Globus gedachten die Menschen diesen unschuldigen Opfern und erinnerten an die schrecklichen Bilder aus unserer nahen Vergangenheit, die uns all diese Jahre verfolgen. Das Mahnen und Erinnern ist unser aller Pflicht.

Die Meschen erinnerten an das Unrecht, welches über unser kleines Volk mit der Agression auf unsere Heimat Bosnien und Herzegowina hereinbrach. Sie zeigten dabei auch deutlich auf diejenigen, die für diese Greueltaten verantwortlich sind.

In diesem Zusammenhang ist leider festzustellen, dass das Böse nicht überwunden ist. Es schwelt weiterhin in den Vorstellungen und Wünschen einer großen Anzahl von Menschen, die mit uns in unserer Heimat Bosnien und Herzegowina und auf dem Balkan zusammen leben.

Beweis dafür sind die feierlichen Empfänge für rechtskräftig verurteilte Kriegsverbrecher. Nach beschämend kurzen Haftstrafen verlassen diese mittlerweile die europäischen Haftanstalten und kehren zurück. Derweil sind viele ihrer Opfer weder gefunden noch würdevoll beigesetzt.

Beweis dafür sind allseits präsente Hassreden, die auch die Verhöhnung der Opfer zum Gegenstand haben. Beweis dafür sind die zurückgekehrten Flüchtlingen, denen systematische, unzumutbare Zustände das Leben in ihrer ursprünglichen Heimat unmöglich machen sollen. Beweis dafür sind die Kinder dieser Rückkehrer, deren Grundrechte mit Füssen getreten werden, v.a. das Grundrecht auf eine schulische Ausbildung in ihrer bosnischen Muttersprache.

Menschen mit verbrecherischem Gedankengut bestimmen auch weiterhin die Geschicke eines Landesteils von Bosnien und Herzegowina auf allen politischen Entscheidungsebenen. Nicht zuletzt werden Hass und verbrecherisches Gedankengut auch weiterhin durch elterliche, schulische, ja sogar religiöse Erziehung auf die nachfolgenden Generationen bewusst weitergegeben.

„Das Böse ist dann besiegt, wenn die Rose der Reue aufblüht“,

sagte der Großmufti der Islamischen Gemeinschaft von Bosnien und Herzegowina bei der Bestattung von weiteren 175 sterblichen Überresten in der Gedenkstätte von Potocari am 11.07.2014 (19.Gedenktag des Völkermorders von Srebrenica).

Eine ehrliches Anerkennen der Greueltaten sowie Reue, vor Gott und der Weltöffentlichkeit, sind daher Grundvoraussetzungen für eine geistige Entgiftung des Volkes, dass diese Greueltaten begangen hat.

Dabei benötigt das Tätervolk diesen „Entgiftungsprozess“ vor allem für sein eigenes Wohlergehen. Ansonsten werden Hass und verbrecherisches Gedankengut sein Wesen und seine Gesellschaft zerfressen.

Leider zeigt sich das Tätervolk nach wie vor nicht in der Lage dazu. Es verharrt größtenteils in seinem Hass, seinen Mythen und seinen Verleugnungen und Leugnungen.

Zieht man fachkundige Meinungen und allgemein anerkannte psychologische Verhaltensschemata heran, so hätten die Bosniaken kollektiv nach allem Leid und Unrecht, welches ihnen wiederfahren ist, einen vollständigen mentalen Zusammenbruch erleiden müssen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall.

Betrachte man nur die „Mütter Srebrenicas, Zepas und Visegrads“ und ihren mit übermenschlicher Kraft geführten Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit. Diese Frauen haben im Völkermord von Srebrenica zum Teil all ihre männlichen Familienmitglieder verloren. Söhne, Ehemänner und Väter wurden im Juli 1995 Opfer der Massenerschießungen. Dieser Tage konnten sie nach Jahren des Kampfes einen Sieg vor einem holländischen Gericht erzielen, dass den Niederlanden eine Mitschuld an der Tötung von 300 ihrer männlichen Familienmitglieder zuschreibt. Diese 300 Männer und Jugendlichen, allesamt Zivilisten, flohen bei der Erstürmung der „Schutzzone“ Srebrenica in das Hauptquartier der niederländischen Blauhelmsoldaten. In der Hoffnung auf Schutz. Von den Blauhelmsoldaten wurden sie jedoch den Schlächtern ausgeliefert. Sie wurden dem sicheren Tod übergeben.

Betrachten wir auch das Beispiel einer „Mutter von Srebrenica“, die im Juli 1995 sowohl Sohn als auch Ehemann verlor. Sie kehrte zurück und eröffnete in unmittelbarer Nähe zur Gedenkstätte von Potocari einen Blumenladen. Blumen, sagt sie, sind für sie ein Symbol der Schönheit und des Lebens. Ein Symbol der Liebe. Diese Liebe für ihre Angehörigen verspürt sie heute stärker denn je, wenn sie tagtäglich die letzte Ruhestätte ihres Sohnes und ihres Ehemanns besucht und ihnen gedenkt.

„Hasst nicht, denn der Hass wird Euch noch vor dem Tode sterben lassen“,

lautet ein Grundprinzip des islamischen Glaubens.

Daher die Erklärung für das von Vernunft geprägte Handeln unseres Volkes. Daher die Erklärung für ein gesundes Volksbewusstsein, trotz der Leidprüfungen, die unser Volk bestehen musste und noch immer bestehen muss.

Hierin findet sich auch die Erklärung für die Kraft der Liebe, die das Böse und den Hass besiegt hat. In diesem Prinzip findet sich auch die Erklärung für den würdevollen und leidenschaftlichen Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit.

Die Erfahrungen der „UN-Schutzzone Srebrenica“ lehren und ermahnen uns in aller Deutlichkeit, dass man nur auf die eigenen Fähigkeiten und Geschicke vertrauen darf. Es gilt die eigenen Kräfte zu bündeln und wachsam zu sein. Es gilt niemals wieder zuzulassen, dass wir aus unseren Heimen in Schlafanzügen zur Schlachtbank geführt werden.

Dieser Tage gedenken wir auch den Opfern des Völkermordes in den bosnischen Städten Prijedor und Kozarac. In wenigen Tagen findet die Bestattung von 284 unschuldigen Opfern statt, die aus dem kürzlich entdeckten Massengrab Tomasica geborgen und exhumiert wurden.

In besonderer Weise schmerzt uns dabei das schwere Schicksal von Hava Tatarevic. Einer Symbolfigur für eine heldenhafte bosnische Mutter.

Einer Mutter, die in wenigen Tagen ihre sechs Söhne: Nishad (18), Zijad (20), Zilhad (23), Nihad (24), Sejad (29) und den ältesten Senad (31) sowie ihren Ehemann zu Grabe trägt. Sie alle wurden am 23.07.1992 von serbischen Soldaten bestialisch ermordert.

Nicht zuletzt, vor dem Hintergrund der schrecklichen Ereignisse in Srebrenica, im heiligen Monat Ramadan, schmerzt uns die Ungerechtigkeit, die unseren Brüdern und Schwestern dieser Tage in Palästina wiederfährt. Wir sind aufgerufen sie in unsere Gebete und Gedanken zu schließen.

(Rede des Verbandspräsidenten bei den Frieden- und Gedenkmärschen in Offenbach und München)

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