Großmufti Husein Kavazovic zum Thema „Das Zusammenleben ist unsere Zukunft“

Wiesbaden, 18.12.2012 – Der Großmufti von Bosnien-Herzegowina, Reisu-l-ulema Husein Kavazovic, nahm am gestrigen Tage in Sarajewo an der Konferenz „Das Zusammenleben ist unsere Zukunft“ teil. Die Konferenz wurde durch die Gemeinschaft des Heiligen Egidius organisiert. An der Konferenz nahmen zahlreiche internationale und nationale Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sowie hohe kirchliche Würdenträger und Vertreter anderer Religionsgemeinschaften teil, u.a. Kardinal Vinko Puljic und Jakob Finci (Präsident der Jüdischen Gemeinschaft von Bosnien-Herzegowina).

Im Hinblick auf die grundsätzliche Bedeutung der Thematik auch für das Miteinander in unserer Gesellschaft in Deutschland und Europa nachfolgend der Beitrag des Großmuftis Husein Kavazovic:

Welchen Aspekt unseres Lebens wir auch immer betrachten, welcher Zeitabschnitt uns auch immer in diesem Zusammenhang wichtig erscheint, ob nun die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft, die Thematik, die wir heute erörtern wollen, zieht die Aufmerksamkeit jedes einzelnen von uns auf sich. Diese Thematik setzt sich uns allen als Schicksalsfrage unseres Weiterlebens in Bosnien-Herzegowina auf, aber auch des Daseins aller Menschen in der Weltgemeinschaft im Allgemeinen.

Der Mensch hat sich selbst  – seit seinen Anfängen – mit Hilfe des anderen Menschen kennen gelernt. Durch die Spiegelung des Anderen und Andersartigen konnte er sich selbst sehen. Seine Identität baute er aus, indem er die Kultur des Anderen kennenlernte, seine Kultur gegen die des Anderen tauschte und einige ihrer Elemente oder sie in ihrer Ganzheit verinnerlichte. Er tauschte die Güter, die er entwickelte. Die Errungenschaften der menschlichen Rasse sind das Resultat vereinigter Anstrengungen ihrer tatkräftigen Visionäre in der langen geschichtlichen Epoche und in schwierigen Zeiten.

Den Glauben (die Religion) nehmen wir heute als Gewebe dar, welches die menschliche Rasse auf Erden verbindet. Gleichzeitig deutet und erläutert der Glaube den Sinn und die Ziele unseres Daseins. Alle religiösen Lehren fokussieren sich auf den Frieden, denn nur im Frieden haben die Menschen die Chance ihr Seelenheil zu finden und in Harmonie miteinander zu leben. Der Koran lehrt die Muslime, dass ein Göttliches Attribut auch jenes ist, dass Gott die Quelle des Friedens und der Sicherheit ist (Koran, Al-Hashr 23).

Die monotheistischen Religionen lehren den Glauben an (den) einen Gott, welcher sich mit Seinen Worten an die Menschen gewandt hat, die in Schriften überliefert und festgehalten sind. Diese Schriften lesen und deuten wir. In diesen Schriften ist festgehalten, dass Adem (Adam) durch Gott aus der ersten Substanz seines Daseins erschaffen wurde: „Wir haben den Menschen aus Erde erschaffen“ (Koran, Al-Mu’minun, 12). Der Prophet des Islam hat gesagt: „Ihr seid die Söhne Adems, und Adem wurde aus Erde erschaffen“ (Al-Tirmidhi, Sunen). In diesem einfach erscheinenden Akt des Erschaffens erkennen wir: Gott hat die Menschen nicht erschaffen, damit diese einander bekämpfen und Blut vergießen, und damit diese ihr Leben auf einer solch einfachen Motivationsgrundlage leben. Der Koran ermutigt uns: „Wir haben euch von einem Manne und einer Frau erschaffen, wir haben euch in Stämme und Völker geteilt, damit ihr einander kennenlernt..“ (Koran, Al-Hujurat, 13). Weiter hat der Schöpfer den Menschen mit dem Ritual des Gebets beschenkt, welches ein elementarer Bestandteil jeder Religion darstellt. Das Gebet ist die Suche nach dem verlorenen inneren Frieden und sein Hüter und Beschützer. Ohne diesen Frieden ist der Mensch nicht fähig, um sich herum Frieden zu stiften, so dass es auch keinen Frieden in der Welt geben kann.

Die Geschichte der Menschheit ist – auch in den Zeitabschnitten, in denen sie als Geschichte der Religionen bezeichnet wird – eine Geschichte der Auseinandersetzungen. Und auch wenn man dies manchmal so darstellen möchte, so waren diese Auseinandersetzungen niemals durch das Wesen oder den Geist der Religion motiviert. Wenn die Protagonisten der Auseinandersetzungen dies auch mit der Religion verbinden wollten, so haben sie diese nur als Vorwand genommen und hinter ihr ihre gänzlich anderen Motivationen verborgen. Die Wahrheit der Religion steht dieser eigentümlichen Front entgegen: die wahrhaftigen Missionare der religiösen Werte sind sich dessen bewusst, dass das Leben ein Geschenk darstellt, ein Geschenk Gottes, und dass Frieden die erhabenste Kostbarkeit des Lebens darstellt. Auseinandersetzungen, Ausgrenzungen, Abschottungen, und auch ein engstirniges Nationalbewusstsein reduzieren, verschließen und unterschätzen  das universelle Wesen des Menschen. Der Geist des Menschen jedoch sehnt sich nach Freiheit. Wenn er als solcher Verbindungen eingeht, dann müssen diese Verbindungen auf Freiheit basieren, ohne Hindernisse und Abgrenzungen.

Auch muss dies auf ethischen Grundprinzipien basieren, ohne Zwang und ohne Auferlegung von welcher Seite auch immer. Es darf keinen keinen „Zwang in den Glauben“ geben (Al-Baqara, 256), das wird im Koran deutlich herausgestrichen. Dieser erhabenen Maxime des Koran wollen wir mit einem europäischen Beispiel beisteuern. Der preußische König Friedrich der Große hat im 18.Jahrhundert bei einer Gelegenheit gesagt, dass es jedermann erlaubt sein sollte nach seiner Errettung (im Sinne des Glaubens) auf die Art und Weise zu suchen, wie es ihm beliebt. Dieser Ratschlag war von Vernunft geprägt. Eine Welt ohne Andersartigkeit ist einseitig und stellt eine Illusion dar, die Leid und Gotteslästerung steigert. Gläubige sind dazu verpflichtet ein gemeinsames Schicksal aller Menschen, gleich welcher Religions- und Volkszugehörigkeit, zu leben und zu lehren. In unserer Welt, in unserem Europa und  in unserer Heimat Bosnien-Herzegowina.

Die Welt sieht sich heute mit denselben destruktiven Kräften konfrontiert wie in der Vergangenheit. Man kann sich diesen nur mit gegenseitiger Zusammenarbeit und mit gegenseitigem Respekt entgegenstellen. Über dem Menschen schwebt permanent das Damoklesschwert der Gefahren der Vernichtung und des Totalitarismus. Wie in der Vergangenheit, sehen wir uns alle mit denselben Problemen konfrontiert, als wir durch das Exklusivitäts-Denken und das Streben nach Dominanz biologisch, politisch, kulturell und intellektuell bedroht waren.

Kulturelle und glaubensbedingte Unterschiede sind keine Besonderheiten unserer Zeit. Sie sind vielmehr so alt wie die gesamte Menschheit. Die Geschichte der Menschheit ist zugleich eine Geschichte des kulturellen und zivilisatorischen Austauschs. Es ist fast unmöglich eine Kultur zu benennen, die isoliert bestehen konnte, ohne von anderen Kulturen zu zehren. Wir in Bosnien-Herzegowina sind ein offensichtliches Beispiel dafür. Betrachten wir doch einmal, wie viel wir von anderen Kulturen gezehrt und übernommen haben.

Man hat einige von uns gelehrt immer in die Vergangenheit zu blicken. In dieser Vorgehensweise fehlte es an Anstrengungen das Bewusstsein und das Gefühl des Miteinanders und des gemeinsamen Schicksals zu entwickeln. Auch wenn man dies versucht zu ignorieren, die kulturelle und religiöse Vielfalt stellt in der bosnisch-herzegowinischen Gesellschaft einen Grundpfeiler dar.

Wir alle, wie Edgar Morin sagt, müssen auf verschiedene Art und Weise und in gänzlich verschiedenen Umständen unseren Blick aus der Gegenwart in die Zukunft richten, um zu ersehen, was diese für Gemeinsamkeiten für uns birgt.

Insbesondere die Unterschiede, die in der Vergangenheit als unüberwindbar galten, könnten dabei für uns eine besondere Motivation darstellen. Wir können – wie noch niemals jemand zuvor – bezeugen wie alteingesessene europäische Widersprüche zu einem Grundelement der Schaffung eines gemeinsamen Schicksals für die europäischen Länder werden können. Haben wir die Kraft unsere Kleinlichkeit, unser „von heute auf morgen“-Handeln, unseren Verfall, unseren Fatalismus und unsere Einbettung in Nihilismus zu besiegen? Unser Feind befindet sich in uns selbst, nicht um uns herum. Er hat sich eingenistet in unserer Unfähigkeit die Geschicke unseres Schicksals in die Hand zu nehmen und die Verantwortung dafür zu tragen.

Ich frage mich, ob wir Srebrenica und Jasenovac in einem Gedankengang wahrnehmen können? Können wir diese Ereignisse als Mahnung für unsere gemeinsame Zukunft etablieren und nicht als Last? Als ein Mahnmal, dass uns befähigen soll das gemeinsame Schicksal aus der Perspektive der Zukunft zu betrachten.

Ich möchte daran erinnern, dass Glaube und Kultur beständig sind, im Gegensatz zu Ideologien. Es handelt sich hier um Werte, die nicht hypothetisch und vergänglich sind, da sie dem Geiste Gottes und dem Geiste des Volkes entspringen. Eine Auseinandersetzung zwischen diesen wäre schädlich für unsere Zukunft.

Ich glaube fest an unser gemeinsames Schicksal, das gleichsam durch Zusammenarbeit und Verschiedenartigkeit erschaffen wird. Betrachten wir diese aus der Perspektive der gemeinsamen Zukunft.

Möge Gott uns dabei beistehen!

 

Reisu-l-ulema Husein Kavazovic (Großmufti von Bosnien-Herzegowina und geistiges Oberhaupt der Bosniaken), Sarajewo 17.12.2012

 

(Übersetzung ins Deutsche: E.A.)

 

Nema komentara.

Upišite komentar