Regeln beachten – Prüfung überbrücken (Freitagspredigt)

Sarajevo, 03.04.2020 – Unter außerordentlichen Umständen – ohne Anwesenheit von Gläubigen -wurde auch heute das Freitagsgebet in der Gazi-Husrev beg Moschee in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo abgehalten. In seiner Freitagspredigt wendet sich der Hauptimam Hafiz Mensur Malkić an die Gläubigen:

Gedankt sei dem Herrscher über die Welten, Friede sei mit dem letzten Propheten Muhammed s.a.w.s., seiner ehrenvollen Familie und seiner edelmütigen Gefolgschaft.

Liebe Brüder und Schwestern,

an vielen Stellen ruft uns Gott im Koran dazu auf, auf seine Zeichen Acht zu geben, über sie nachzudenken, und die entsprechenden Schlüsse zu ziehen. Insbesondere sollen wir über die Prüfungen und Herausforderungen nachdenken, denen Einzelpersonen oder ganze Völker unterzogen waren, die im Koran genannt werden. Wir sind aufgerufen über den Lohn oder die Strafen nachzudenken, die ihnen zuteilwurden.

Dieser Tage machen wir uns verstärkt über unsere Lage Gedanken, über die Prüfungen und Herausforderungen, denen wir unterzogen sind. Wir verfolgen Analysen und Prognosen von Fachleuten, vernehmen Ratschläge, Handlungsempfehlungen und Anweisungen. Schließlich bemühen wir uns, diese zu beachten, zu unserem eigenen Wohle sowie zum Wohle unserer Familien und Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Aus diesem Grund ist es wichtig, uns die Verpflichtung in Erinnerung zu rufen, die festgelegten Maßnahmen, Regeln, Handlungsempfehlungen und Anweisungen zu achten. Diese sollen mit Gottes Hilfe dazu beitragen, dass wir diesen Zeitraum der Prüfung, den sowohl wir als auch die Menschen in unseren Nachbarländern sowie in der ganzen Welt durchleben, leichter überbrücken.

Liebe Brüder und Schwestern,

als Gläubige sind wir uns der Tatsache bewusst, dass Prüfungen und Herausforderungen, denen wir auf Erden unterworfen werden, zu den Gesetzmäßigkeiten Gottes gehören. Auf die Prüfung gestellt können wir zu gleichen Teilen im Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit, Wohlstand und Armut, Überfluss und Mangel sowie Sicherheit und Angst.

In den letzten Monaten werden viele Menschen auf der Welt, so auch hier in unserer Heimat, im Zusammenhang mit ihrer Gesundheit bzw. Krankheit, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und einem Leben in Furcht vor Ansteckung und Tod auf den Prüfstand gestellt. Auch besteht die Sorge, dass wir durch einen Mangel an einzelnen Grundnahrungsmitteln herausgefordert werden.

Aufgrund dieser neuen Situation und der unverhofften, zwangsläufigen Änderungen in unserem Leben ist uns klar, dass sich jeder Einzelne seiner Lage bewusst werden und sein Leben an die bestehenden Verhältnisse anpassen muss. In dieser neuen Lage und Anordnung, dürfen wir nicht den Vers vergessen, mit welchem uns Gott ermahnt: „Und begebt euch selbst nicht ins Verderben!“ (El-Bekare, 195). Soll heißen, dass Gott von uns verantwortungsvolles Handeln erwartet. Wir müssen uns über unsere Handlungen bewusst werden und ihrer Folgen. Und das heißt in der jetzigen Situation, dass wir Regeln, Anweisungen und Instruktionen der zuständigen Behörden und Institutionen zu achten haben. Dasselbe gilt für Anweisungen und Handlungsempfehlungen von Krisenstäben, medizinischen Fachleuten und Epidemiologen. Wir dürfen nicht zulassen, dass wir durch unverantwortliches Handeln und die Missachtung von Maßnahmen, ursächlich werden dafür, dass das Leben eines anderen Menschen oder anderer Menschen in Gefahr gerät. Denn Gott richtet Seine Warnung an uns: „Und tötet einander nicht!“ (En-Nisa, 29).

Wir haben in dieser und ähnlichen Situationen eine dreifache Verpflichtung und Verantwortung: unser eigenes Leben zu schützen und darüber zu wachen, das Leben anderer Menschen nicht zu gefährden sowie über das Leben jedes Mitglieds unserer Familie zu wachen. Denn Gott befiehlt uns: „Ihr Gläubigen, wacht über euch und eure Familien!“ (Et-Tahrim, 6).

In der heutigen Zeit werden wir uns und unsere Familien schützen, indem wir um sie sorgen. Indem wir Sorge dafür tragen, dass wir unsere Familien vor der Epidemie bewahren; dass nicht ein Mitglied unserer Familien die Regeln der Selbstisolierung missachtet. Und sollte ein Mitglied unserer Familie erkranken, dann darf man dieses nicht stigmatisieren. Die übrigen Familienmitglieder sind in diesem Falle aufgerufen, ihm Hilfe und Beistand im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu geben, auf das man diese Prüfung gemeinsam bestehen möge.

In diesen Tagen werden wir uns selbst und unsere Familien dadurch schützen, indem wir mehr Verständnis gegenüber jedem Mitglied unserer Familie aufbringen. Denn wir leben und funktionieren nun unter geänderten Bedingungen. Unverhofft sind unsere Heimstätten zu unserem Arbeitsplatz, Büro, Schule, Universität bzw. zu dem Ort geworden, an dem wir unsere Pflichten erfüllen. Und es gilt, den Pflichten unter diesen geänderten Bedingungen weiter nachzugehen.

Die veränderten Umstände verlangen allen Familienmitgliedern eine größere Toleranz und Empathie ab. Verlangt werden Vereinbarungen und Kompromisse, damit die Familien gut funktionieren können. Denn die Zeit, die wir zusammen verbringen, soll uns mit Zufriedenheit und Glück erfüllen und keine Beschwerung und Last darstellen.

Während manche viel Zeit mit ihren Familien verbringen, mehr als sie es sonst gewohnt sind, dürfen wir nicht vergessen, dass es zeitgleich vielen anderen Menschen anders ergeht. Angestellte im Gesundheits- und Pflegewesen, im öffentlichen Dienst, Lebensmittelhandel, Fahrer und Andere sind dieser Tage Druck und großen Belastungen ausgesetzt. Ihre Familien bangen um ihre Gesundheit und ihr Leben.

Wir dürfen nicht vergessen, dass manche Arbeiter bereits Ende des letzten Monats ihre Arbeit verloren haben. Andere haben Angst, dass es sie auch bald treffen könnte und sie sorgen sich um die Existenz ihrer Familien. Wir hoffen, dass die zuständigen Stellen in diesem Zusammenhang mit der notwendigen Sensibilität und Verantwortung vorgehen werden, und dass sie nach Lösungen suchen werden, wie diese Situation mit den geringstmöglichen Folgen für alle Bürgerinnen und Bürger unseres Heimatlandes überbrückt werden kann.

Liebe Brüder und Schwestern,

in dieser Prüfung, die wir alle durchleben, dürfen wir unsere Ausrichtung nicht verlieren. Wir müssen achtsam, diszipliniert, verantwortungsvoll und gewissenhaft sein. Wir müssen uns auf die Art und Weise schützen, wie es empfohlen wird. Wir müssen unsere Gesundheit schützen und die Maßnahmen zur sozialen Distanzierung achten; wegen uns und den anderen Menschen. Unser Heil müssen wir in der Duldsamkeit, im Gebet, im Koran und in Bittgebeten suchen.

Wenn wir in die Situation kommen, dass wir zu sehr in Gedanken und Sorgen über unsere Lage verfallen, dann erinnern wir uns daran, dass auch die tiefste Nacht mit aufgehender Sonne endet. Vergessen wir nicht, dass uns unser Prophet mitgegeben hat: „Erstaunlich ist der Zustand desjenigen, der glaubt. Wahrlich ergeht es ihm immer gut. Und das ergeht nur derjenigen so, die Glauben haben. Wenn ihm etwas Gutes wiederfährt, dann dankt er Gott und es geht ihm gut. Und wenn ihm etwas Schlechtes wiederfährt, dann übt er sich in Geduld, und wieder ward es ihm gut.“ (Muslim).

Rufen wir uns in Erinnerung, dass Wohlstand nach Dank, die Sünde nach Vergebung und der Zustand der Prüfung und Herausforderung nach Geduld trachtet. Demgemäß wird derjenige Errettung erfahren, der dankbar ist, der um Vergebung bittet, und der sich in Geduld übt.

Seien wir daher geduldig und diszipliniert. Bleiben wir zuhause und bemühen wir uns darum, uns und andere, so Gott will, zu schützen.

Folgen wir dem Rat des Propheten Gottes s.a.w.s.: „Beim Zubettgehen und beim Aufwachen, rezitiere die Suren Kul huvallāhu ehad, El-Felek und En-Nās, jeweils drei Mal. Das wird Dir zu Deinem Schutz ausreichend sein.“ (Ebū Dāvūd).

Schließlich bitten wir Allah dž.š., uns unsere Sünden zu vergeben, sich uns zu erbarmen, uns Hilfe und Besinnung in unserem Handeln zuteilwerden zu lassen bei der Überbrückung dieser Prüfung.

Āmīn, jā Rabbeʼl-‘ālemīn!

(Übersetzung ins Deutsche: E.A.)

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