Dr. Osman Kozlić zum Mufti für Westeuropa ernannt

Am 14. September 2019, dem Vortag der Eröffnung des neuen Gemeindezentrums der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken in Mainz, fand in diesem die feierliche Überreichung der Murasela an Dr. Osman Kozlić statt. Der Überreichung wohnten neben Großmufti Dr. Husein Kavazović auch die Muftis aus Kroatien und Serbien, Dr. Aziz Hasanović und Dr. Mevlud Dudić sowie der Mufti von Mostar Salem Dedović bei. Neben Imamen und Gemeindevertretern aus ganz Deutschland waren auch die Hauptimame und Vorsitzenden der Dachverbände aus den übrigen westeuropäischen Staaten angereist. Im Anschluss an die feierliche Überreichung in den Gebetsräumen, fand im Saal des Gemeindezentrums ein Programm in deutscher Sprache für geladene Gäste und Vertreter aus Politik, Religion und Gesellschaft statt.

Murasela – Historischer Hintergrund

Mit dem Berliner Kongress, der die Unterzeichnung des Berliner Vertrages zum Gegenstand hatte, wurde im Jahr 1878 die Balkankrise beendet und eine neue Friedensordnung für Südosteuropa ausgehandelt. Es folgte der Rückzug des Osmanischen Reiches und die Besetzung Bosnien und Herzegowinas durch das Kaiserreich Österreich-Ungarn. „Über Nacht“ fand man sich – nach Jahrhunderten islamischer Herrschaft – in einem westlich und christlich geprägten Staatswesen wieder.

Führende bosniakische Würdenträger richteten sich in der Folgezeit an die neuen Machthaber mit dem Anliegen, ein Oberhaupt für die religiösen Belange der Bosniaken zu ernennen und eine entsprechende Organisationsform für eine Glaubensgemeinschaft zuzulassen. Tatsächlich ebneten die neuen Machthaber bereits im Vorfeld im intensiven diplomatischen Austausch mit dem Osmanischen Reich den Weg für eine derartige Lösung.

So konnte im Jahre 1882 die Islamische Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina als eigenständige – staatsunabhängige – Religionsgemeinschaft konstituiert werden. Geschaffen wurde die Institution des Medžlis-i ulema, eines Gelehrtenrates, in dem der Reisu-l-ulema (Vorsitzender der Gelehrten; im englischen und deutschen Sprachgebrauch „Grand Mufti“ bzw. „Großmufti“), den Vorsitz hatte.

Kaiser Franz Joseph I. ernannte am 17.10.1882 Mustafa Hilmi Hadžiomerović zum ersten Reisu-l-ulema, dessen feierliche Amtseinführung in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo erfolgte

Da es mit der Annexion auch zur Kappung aller Beziehungen zur früheren Hauptstadt Istanbul kam, lag den Bosniaken damals viel daran, zumindest die religiösen Beziehungen aufrecht zu erhalten. So folgte auf diplomatischem Wege nach der Wahl des Reisu-l-ulema die Bitte an den Šejhu-l-islam, die oberste Autorität der Muslime auf der Welt mit Sitz in Istanbul, dem Reisu-l-ulema eine „Menšura“ auszuhändigen, eine schriftliche Ermächtigungsurkunde, die den Großmufti zur Vornahme seines Amtes im glaubensrechtlichen Sinne legitimiert.

In dieser Tradition und Verfahrenskette wird gemäß der Verfassung der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina auch die Murasela überreicht. Das ist die Bezeichnung für die Ernennungsurkunde, welche der Großmufti an untergeordnete Muftis ausstellt, die die Verantwortung für ein bestimmtes Gebiet übernehmen. Schließlich werden Hauptimame und Imame, die in den Moscheegemeinden zum Einsatz kommen, wiederrum auf Vorschlag des Muftis durch den Großmufti per Dekret legitimiert. Auf diese Art und Weise wird innerhalb der Gemeinschaft die Legitimität der islamischen Autoritäten sichergestellt. In Deutschland ist die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken nach vereinsrechtlichen Bestimmungen organisiert, so dass diese Tradition und Verfahrenskette Bestandteil der Rahmensatzungen der örtlichen Gemeinden ist.

Muftitum für Westeuropa

Die Islamische Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina ist gemäß Artikel 1 ihrer Verfassung die Gemeinschaft von Muslimen in Bosnien und Herzegowina und dem Sandžak (Provinz im heutigen Südserbien), in Kroatien, Slowenien und Serbien sowie der muslimischen Bosniaken, die außerhalb der genannten Heimatländer leben. Aber auch aller Muslime, die sich ihr zugehörig fühlen.

Die Oberste Ratsversammlung der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina, das Parlament der Gemeinschaft, verabschiedete im Dezember 2017 in Sarajevo einen Rechtsakt, der die Gründung eines neuen Muftitums für Westeuropa zum Gegenstand hatte. Mit der Errichtung dieser Organisationseinheit fallen die Gemeinden in Westeuropa in dessen Verantwortungsbereich. Dies sind im Einzelnen: jeweils 1 Gemeinde in Italien und Ungarn; jeweils 4 in Finnland und Großbritannien; jeweils 6 in Luxemburg und Belgien; 7 in Norwegen; in Frankreich 10; in den Niederlanden und in Dänemark jeweils 13; in der Schweiz 23; 26 in Schweden, in Österreich 42 sowie in Deutschland 78 Moscheegemeinden. Als Sitz für das neu geschaffene Muftitum wurde dabei Deutschland ausgewählt, da hier die Gemeinschaft zahlenmäßig am stärksten ausgeprägt ist.

Die Bosniaken, die aus ihren Heimatländern, d.h. aus dem damaligen Jugoslawien auswanderten, begannen Ende der Siebziger- und Anfang der Achtzigerjahre diese Moscheevereine zu organisieren. Mitte der Neunzigerjahre folgte die Gründung der Dachverbände in den einzelnen Ländern, für welche Hauptimame ernannt wurden. Weltweit sind zu diesem Zeitpunkt in 15 Ländern insgesamt 250 Moscheegemeinden von Bosniaken registriert.

In all diesen Ländern haben sich die Bosniaken als europäisches Volk, das auch über eine bedeutende vorislamische Geschichte verfügt, nachweislich sehr gut integriert und leisten einen großen Beitrag zum Wohl der Gesellschaften, in der sie leben und wirken. Sie bringen dabei vielfältige Erfahrungen aus ihrer Heimat mit; so auch die Erfahrung des Zusammenlebens mit anderen Volksgruppen sowie die Erfahrung einer vernunftorientierten Glaubensauslegung in einem multikonfessionellen Umfeld.

Die Verleihung der Murasela ist ein bedeutendes Ereignis und eine Feierlichkeit, die es bisher in der bosniakischen Diaspora nicht gab. Durch den Aufbau dieser neuen Strukturen möchte man auch der Tatsache Rechnung tragen, dass ein Großteil der Bosniaken mittlerweile außerhalb der Ursprungsländer lebt und leben wird. Gleichzeitig soll die institutionelle Zusammenarbeit mit anderen Religionsgemeinschaften sowie staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen und Organisationen intensiviert werden.

Auszug aus der Biografie von Dr. Osman Kozlić

Dr. Osman Kozlić wurde 1966 in Zenica (ehemaliges Jugoslawien bzw. Bosnien und Herzegowina) geboren. Nach Abschluss des islamischen Gymnasiums „Gazi Husrevbegova Medresa“ in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo studierte er Islamisches Recht an der Universität El-Emir Abdu-l-Kadir in Constantine, Algerien. Sein Magisterstudium schloss er erfolgreich an der Universität Muhamed V. in Rabat, Marokko ab. Mehrere Jahre war er als Imam in Tuzla sowie als Professor am islamischen Gymnasium „Behrambegova Medresa“ in dieser Stadt tätig. Innerhalb der Institutionen der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina nahm er verschiedene Ämter wahr. Seine Promotion machte an der Fakultät für Islamische Studien in Sarajevo. Vor seiner jetzigen Station war er im Zeitraum 2014 – 2018 Mufti von Banja Luka in Bosnien und Herzegowina.

E.A. / Foto: Mehmed Jakubović

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