Rede von Großmufti Kavazović bei der Eröffnung des Gemeindezentrums in Mainz

Rede von Dr. Husein Kavazović, Großmufti der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina, bei der Eröffnung der neuen Moschee der bosniakischen Moscheegmeinde in Mainz am 15.09.2019.

Rede von Dr. Husein Kavazović, Großmufti der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina, bei der Eröffnung der neuen Moschee der bosniakischen Moscheegemeinde in Mainz am 15.09.2019.

Im Namen Gottes, des Barmherzigen, Allbarmherzigen.

Allah sei Dank, dem Erhabenen Herren der Welten,

mögen Frieden und Errettung dem letzten Propheten Muhammed sowie seinen Nächsten und Weggefährten zuteilwerden.

Gottes Worte sind:

„Moscheen sind Gottes wegen, und richtet eure Gebete, neben Allah, an niemanden!“

(El-Džinn, 18)

Brüder und Schwestern,

liebe Freunde,

verehrte Vertreter der Landesregierung und der Stadt Mainz,

verehrter Mufti, verehrte Geistlichkeit,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

es-selamu-alejkum (Frieden sei mit Ihnen).

Es ist mir eine Ehre heute bei Ihnen zu sein, und dass wir diesen erfreulichen Anlass zusammen begehen. Heute ist ein großer Tag, sowohl für uns Bosniaken, als auch für diese Stadt sowie die deutsche Gesellschaft.

Mit ihm bringen wir einen großen Abschnitt unseres Lebens hier zum Abschluss.

Wir kamen in dieses Land, weil es erforderlich war und weil wir in Not waren.

Mit uns nahmen wir unseren Glauben, Kultur und Tradition. Unserer Fürsorge, diese zu bewahren, geben wir durch diesen Akt eine Form und runden dieses ab.

Gleichzeitig haben diese Stadt und diese guten Menschen, unsere Gastgeber, ein leuchtendes Antlitz dieses großen Landes gezeigt sowie die weitherzige und offene Seele ihres Volkes. Dafür gebührt ihnen unser Dank und in aller Herzlichkeit bringen wir unsere große Achtung ihnen gegenüber zum Ausdruck.

Heute wissen und glauben wir zutiefst, dass der Erhabene alle Geschöpfe mit dem Ziel und Zweck geschaffen hat, wie Er es wollte, und dass sie ihm alle gleich lieb sind. Die Menschen schuf er von einem Mann und einer Frau, machte sie zu Brüdern und Schwestern, unterteilte sie in Völker und Stämme, damit sie einander kennenlernen und bereichern. Manche von uns erkennt man daran, dass sie Gutes tun, andere an Übeltaten. Nur diejenigen, die gute Taten verrichten, werden Gottes Gnade und Segen verdienen, seien sie Muslime, Christen, Juden oder Sabäer, wie es im Koran heißt.

Aus diesem Grund erinnere ich euch auch heute, als meine Brüder und Schwestern, an die drei Grundsäulen unseres Glaubens: den Glauben an Gott; den Glauben an den Tag des Jüngsten Gerichts; und den Glauben daran, dass wir durch die Verrichtung von guten Taten Belohnung erfahren, und unsere Seele vor dem Allmächtigen Gott erretten werden. Wir glauben an die Vergänglichkeit dieses irdischen Lebens und die Ewigkeit des Lebens im Jenseits im Kreise guter Menschen, ergebener Diener Gottes.

Ich bin überzeugt davon, dass diese Moschee, dieser Vakuf (Eigentum zum Wohl der Allgemeinheit) vor allem ein Hort und Verbleib des Guten sein wird. In ihr werden nicht nur Bosniaken einen Zufluchts- und Versammlungsort sowie ein Ort des Trostes finden, sondern all unsere Brüder und Schwestern, die in dieser Stadt leben.

Auch bin ich überzeugt davon, dass sich Imam, Gemeindevorstand und Gemeindemitglieder dafür einsetzen werden, dass sie mit ihren begleitenden Inhalten das sein wird, was auch die Moschee des Propheten in Medina zu dessen Zeit war. D.h. nicht nur ein Ort zur Verrichtung des Gebets, sondern ein geistiges und kulturelles Zentrum, offen für alle Bürgerinnen und Bürger und für seine Nachbarn. Die Moschee des Propheten (Friede sei mit ihm) war für alle Menschen offen; für diejenigen, die Zuflucht suchten oder jede andere Art von Hilfe; vom Ratschlag, über eine Übernachtungsmöglichkeit bis hin zur Versorgung mit Lebensmitteln. Dort lernten andere Menschen über den Islam, aber auch Muslime über andere. Erinnern wir uns nur an die Überlieferung, wonach die Abessinier den Muslimen in der Prophetenmoschee ihre Kultur durch die Aufführung von Tänzen vorstellten. Solche Moscheen benötigen wir erneut.

Wir müssen offen dafür sein, über andere zu lernen, insbesondere über unsere Nachbarn; aber auch fähig dazu, anderen über uns zu berichten, authentisch, so wie wir sind, in unserem Glauben, unserer Kultur und Tradition; offen dafür, jede gute und wesensverwandte Saat aufzunehmen, die uns Europa bietet.

Die bosnischen Muslime, die Bosniaken und ihre Heimat Bosnien und Herzegowina und der Sandžak sind nicht nur geografisch Europäer und ein Teil Europas. Unsere Geschichte und Kultur, sowohl die vorislamische als auch islamische, sind europäisch. Selbst unser Leben und Verständnis des Islam ist in der europäische Arabeske eingerahmt.

Aber das macht uns, für sich gesehen, nicht zu besseren oder schlechteren Menschen. Das stellt nur das dar, was wir sind. Wir definieren uns – als Einzelpersönlichkeiten und als Volk – ausschließlich über unsere Taten und Handlungen. Wir sind das, was wir tun und wofür wir einstehen. Und nicht das, was wir behaupten zu sein, oder das, mit was wir uns betiteln.

Aus diesem Grund liegt es an uns, dass wir uns – allen voran – mit unseren Taten auseinandersetzen. Aber auch, dass wir uns darüber klar werden, wie wir uns als Gemeinschaft darstellen. Denn, genauso wie ein Handeln ohne Glauben heuchlerisch (nifak) ist, so ist auch ein Handeln im Gegensatz zu dem, woran wir glauben und wofür wir einstehen eine Sünde (fisk).

Überliefert wird, dass der Prophet (Friede sei mit ihm) gesagt hat:

Achte die Grenzen Allahs (Halal und Haram), Du wirst der wohlhabendste Mensch sein! Sei zufrieden mit dem, was Dir durch Allah zuteilwurde, Du wirst der wohlhabendste Mensch sein! Tue Deinem Nachbarn Gutes, Du wirst gläubig sein! Wünsche anderen das, was Du für Dich selbst wünscht, Du wirst ein Muslim sein! (Tirmizi)

Brüder und Schwestern, unser Weg war immer klar abgegrenzt und abgezeichnet. Glauben wir an Allah, halten wir uns an Sein Wort und verrichten wir das, was Er uns in unseren Verantwortungsbereich auferlegt hat! Seien wir offenen Herzens gegenüber anderen, verrichten wir Gutes und schützen wir uns und andere vor dem Bösen! Bemühen wir uns, dass wir durch unsere Arbeit, Gutes in diesem und dem anderen Dasein erlangen. Seinen wir uns bewusst darüber, dass es keine Belohnung ohne Bemühungen und gute Taten gibt!

Richten wir uns mit Bittgebeten an Allah, denn Bittgebete, die angenommen werden, können unser Schicksal ändern! Beten wir für unsere Heimat, für unsere Brüder und Schwestern, wo auch immer sie leben! Der Erhabene weist kein Bittgebet ab, dass von einem Gläubigen für seinen Nächsten in Heimlichkeit gesprochen wird, wenn ihn niemand sieht.

Verzeihen wir aneinander, denn dies festigt die Beziehungen der Menschen und Völker zueinander. Es befreit uns vor schweren Lasten der Vergangenheit. Setzen wir uns ein für Frieden auf der Welt. Ziehen wir gemeinsam unsere Familien groß, in Einigkeit und Freundschaft.

Liebt dieses Land und seine Menschen. Arbeitet gemeinsam in Einheit, wie wahre Brüder und Schwestern!

Unser Glaube ist unser gemeinsamer Strang, und Bosnien und Herzegowina unsere Verantwortung im Diesseits und das Versprechen an unsere Väter, dass wir es im Herzen tragen und bewahren werden für unsere Nachkommen, Söhne und Enkel. Erzieht die zukünftigen Generationen in der Art und Weise, dass sie nützliche Mitglieder der Gesellschaften werden, in denen sie leben. Sie sollen sich aber auch immer ihrer Wurzen bewusst sein und stolz sein darauf, wer und was sie sind! Achtet in besonderer Art und Weise auf die bosnische Sprache! Eure Kinder sprechen bereits Deutsch (und das sollen sie auch), aber mit der bosnischen Sprache haben sie einen Schlüssel, mit welchem Sie die Pforten ihrer Heimat öffnen können, ihrer Kultur, Geschichte und Tradition. Wenn sie dieser Schlüssel auch nicht durch ihre Heimat führen sollte, so werden sie zusätzlich eine Sprache sprechen, und das kann ihnen mit Sicherheit nur von Nutzen sein.

Erlauben Sie mir, dass ich mich bei den Menschen bedanke, die dazu beigetragen haben, dass sich das Gute hier und heute vervollständigt. Ich danke den Menschen in der Gemeinde, dem Vorstand und Bauvorstand, unserem Imam, den Behörden der geschichtsträchtigen Stadt Mainz und Ihnen allen, die Sie Beistand in diesen herausfordernden Zeiten geleistet haben.

Gott weiß es, vielleicht haben sie eben hier den Grundstein für unsere Gemeinschaft in Westeuropa gelegt. Wir brauchen eine starke und integrierte Islamische Gemeinschaft in Europa. Wir sind ein europäisches Volk, wir schulden diesem, unserem schönen Kontinent noch einen gesunden und kräftigen Spross, der sein Antlitz verzieren wird. Von uns erwarten das die übrigen Europäer. Lassen wir sie uns und unsere Vorfahren nicht im Stich.

Erinnern wir uns auch daran, dass diese Stadt vor Isa/Jesus Christus (Friede sei mit ihm) gegründet wurde, und dass in ihr einst der „Mensch des Jahrtausends“, Johannes Gutenberg gelebt hat, der uns in die Welt des Buches geführt hat. Dafür schulden wir ihm Achtung und Liebe.

In diesem Land wurde auch gesagt, dass der Islam ein Teil der deutschen, und damit auch der europäischen Gesellschaft ist. Verinnerlichen wir das verantwortungsbewusst, ohne Ausnahme.

Und schließlich bitte ich noch einmal den Erhabenen, dass Er eure Mühen annehmen möge, dass Er all denjenigen die versprochene Belohnung zuteilwerden lassen solle, die auf welche Art und Weise auch immer geholfen haben, dass dieser Vakuf (Eigentum zum Wohl der Allgemeinheit) emporgehoben wird.

Allah, lass uns Deine Unterstützung zuteilwerden und stärke uns in unseren ehrlichen Bestrebungen und Absichten! Lasse nicht zu, dass wir müde werden und aufgeben! Wenn sich über uns schwarze Wolken zusammenbrauen, dann führe uns mit dem Lichte Deiner Unterweisung und stärke unsere Herzen in Wahrheit!

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