Srebrenica 11/07

Am 11. Juli 2019 jährt sich zum 24. Mal ein Verbrechen, das unermessliches Leid über Tausende von Menschen gebracht hat. Es ist der Jahrestag eines Verbrechens, das im Angesicht der gesamten internationalen Öffentlichkeit begangen wurde. Inmitten unseres europäischen Kontinents. In einem Europa, das sich nach dem Holocaust und den schrecklichen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges geschworen hatte, derartige Grausamkeiten niemals wieder zuzulassen.

In Bosnien und Herzegowina wurden während des Angriffs- und Vernichtungsfeldzuges gegen das Land und seine nichtserbische Bevölkerung insgesamt 5 Schutzzonen durch verschiedene Resolutionen des UN-Sicherheitsrates eingerichtet: Sarajevo, Goražde, Bihać, Žepa und Srebrenica. Diese Städte galten fortan als „safe areas“, die unter dem besonderen Schutz der Vereinten Nationen stehen.

Nachdem Srebrenica im April 1993 zur Schutzzone erklärt worden war, versprach General Philippe Morillon, damaliger Befehlshaber der UN-Schutztruppen in Bosnien, den eingeschlossenen Menschen: «Ihr steht jetzt unter dem Schutz der Vereinten Nationen. Ich werde euch nie verlassen.»

Es ist der Jahrestag eines Verbrechens, das in einer solchen „safe area“ begangen wurde. Einer Schutzzone ohne Schutz. Der 11. Juli ist daher auch ein Tag der Schande für Europa und die Weltgemeinschaft. Er zeugt von dem Unvermögen, sich zerstörerischen Tendenzen und Mächten rechtzeitig und entschlossen in den Weg zu stellen.

Der 11. Juli ist ein Tag der Trauer und des Schmerzes. Auch dieses Jahr werden in der Gedenkstätte von Potočari bei Srebrenica die sterblichen Überreste von weiteren 33 Opfern des Völkermords von Srebrenica ihre ewige Ruhe finden. Jahrelang waren auch diese 33 getöteten Menschen auf Dutzende Massengräber in ganz Nordostbosnien verstreut. Sie wurden in vielen Fällen aus sog. primären Massengräbern mit schwerem Gerät – Baggern, Lastkraftwagen usw. – in sog. sekundäre und tertiäre Massengräber verbracht. Mit dem Ziel, die Taten zu verschleiern und zu verdecken. Ein Verbrechen nach dem Verbrechen. Oder ihre Knochen und Gebeine lagen in Wäldern und auf Feldern, jahrelang den Gezeiten ausgesetzt. Die Hinterbliebenen hofften dabei bis zuletzt auf eine „Komplettierung“ der sterblichen Überreste, da in der Regel nur wenige Körperteile eindeutig einer Person zugewiesen werden können. Keines der sterblichen Überreste der diesjährigen Opfer ist „komplettiert“. Nach Jahren der Ungewissheit stimmen die Angehörigen schließlich doch einer Bestattung zu. Man erhofft sich Seelenfrieden für die getöteten Söhne, Ehemänner und Brüder. Und für sich selbst.

Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag wertete die im Juli 1995 in Srebrenica begangenen Verbrechen in seinem Urteil vom Februar 2007 als Genozid. Als Völkermord. Es handelt sich, wie auch Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert einst im Bundestag in Erinnerung rief, um das größte Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Der 11. Juli ermahnt uns dazu, uns in Erinnerung zu rufen, zu welchen Gräueltaten Menschen in der Lage sind. Nicht vergessen werden darf die Tatsache, dass der Völkermord von Srebrenica nur die Kulmination eines ideologisch begründeten und rücksichtlos geführten Vernichtungsfeldzuges gegen die nichtserbische Bevölkerung in Bosnien und Herzegowina darstellte. Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang an die mehr als drei Jahre lang andauernde Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo und die damit zusammenhängende alltägliche Terrorisierung der Zivilbevölkerung mit insgesamt mehr als 10.000 Toten sowie an die rücksichtlosen ethnischen Säuberungen, systematischen Vergewaltigungen und grausamen Tötungen in anderen bosnischen Städten wie Zvornik, Višegrad, Foča oder Prijedor. Zu erinnern ist an die Konzentrationslager Keraterm und Omarska, deren Bilder sich in keiner Weise von den Bildern der Gefangenen von Auschwitz unterscheiden. Zu erinnern ist an die rücksichtlose und systematische Zerstörung nichtserbischer Kulturdenkmäler und Gebetshäuser. Wo auch immer es die Umstände zugelassen haben, dort wurden in Bosnien und Herzegowina massive Kriegsverbrechen gegen die nichtserbische Bevölkerung begangen. In einem dramatischen und grausamen Ausmaß. Die abgeschlossenen und laufenden Verfahren vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zeugen davon.

Der 11. Juli ist für alle zivilisierten und werteorientierten Menschen auch ein Tag der Erkenntnis. Nicht wenige Menschen sind der Meinung, dass die Tatenlosigkeit der internationalen Staatengemeinschaft während des Vernichtungsfeldzuges der Tatsache geschuldet war, dass es sich bei den Opfern mehrheitlich um Muslime handelte. Vor diesem Hintergrund können diese stolz darauf sein, dass sie universellen Werten treu geblieben sind. Die politische und geistliche Führung der bosnischen Muslime hatte dies mit Verweis auf das Jahrhunderte währende Miteinander der Völker, Kulturen und Religionen in Bosnien und Herzegowina stets eingefordert. Auch im Angesicht der völligen Vernichtung und trotz der Tatenlosigkeit der internationalen Staatengemeinschaft. Es wurden keine Taten oder Rachefeldzüge begangen, für die man sich als Kollektiv schämen müsste.

Die Überlebenden und Hinterbliebenen kämpfen vielmehr auf dem Rechtswege für Gerechtigkeit. Sie bilden sich und andere Menschen weiter, engagieren sich für ein besseres Verständnis der Menschen untereinander, und treten für Frieden in Bosnien und Herzegowina und der Welt ein. Sie begegnen auch heute allen Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen mit Würde und Anstand. Die Mütter, Ehefrauen und Schwestern, deren Söhne, Ehemänner und Brüder in und um Srebrenica ermordet wurden, sind international anerkannte Botschafterinnen der Völkerverständigung. Auf diese Art und Weise gedenken sie ihrer getöteten Angehörigen. Denn es ist um einiges einfacher, die Last des Schmerzes zu tragen, als die Last des Hasses. Dies ist nicht zuletzt ein Grundsatz der islamischen Glaubenslehre. Diejenigen, die Hass empfinden und diesen offen gegenüber anderen Menschen äußern, werden über kurz oder lang an dieser Last zugrunde gehen. In dieser Erkenntnis, die den Bosniaken seit Jahrhunderten quasi in die Wiege gelegt wird, liegt wahre Stärke.

Allen Ungerechtigkeit zum Trotz bleibt eine bessere Zukunft unsere Hoffnung. Auch und gerade am 11. Juli eines jeden Jahres. Wer für eine bessere Zukunft und ein menschlicheres Miteinander eintreten möchte, der muss Vergangenheit entsprechend werten, Gegenwart nutzen und auf dieser Grundlage Zukunft gestalten. Eine positive Zukunftsperspektive bedarf dabei auch immer einer lebendigen Erinnerungskultur. In Deutschland wird vorgelebt, dass eine lebendige und stetige Erinnerungskultur Voraussetzung dafür ist, eine bessere Zukunft zu gestalten. Diejenigen unter uns, die in Deutschland geboren und/oder aufgewachsen sind, werden bereits durch das Bildungssystem Teil dieser bemerkenswerten Erinnerungskultur. Damit sich Srebrenica an keinem Ort der Welt – insbesondere in Europa – nicht wiederholt, ist es daher notwendig in Anlehnung an die Kultur der Erinnerung an den Holocaust auch eine Kultur der Ermahnung an den Genozid von Srebrenica zu etablieren. Alle rechtschaffenen Menschen sind aufgerufen, sich dafür im Rahmen ihrer Möglichkeiten einzusetzen.

Hinterbliebene und Angehörige sowie politische und geistliche Verantwortungsträger haben viele Male ihre Bereitschaft dazu erklärt, den Tätern zu vergeben. Doch scheitert dies daran, dass niemand um Vergebung bittet. Reue für die begangenen Kriegsverbrechen wird nicht gezeigt. Weder von der politischen, noch von der geistigen Führung des Tätervolkes. Im Gegenteil. Politische Verantwortungsträger relativieren und leugnen den Völkermord, erklären international verurteilte Kriegsverbrecher wie Mladic und Karadzic zu Helden und benennen Studentenwohnheime nach ihnen. So gewinnen sie Wahlen. Sie halten weiterhin an einer Ideologie fest, die den gesamten Balkan in den Neunzigerjahren in Leid und Verderben stürzte. Und sie bereiten damit den Nährboden für weitere Verbrechen. Nicht nur die Erinnerung an die Gräueltaten muss daher eine gewichtige Rolle spielen, sondern auch die Prävention. Denn würde man über ansteckende Krankheiten und Seuchen nur Bücher verfassen und Vorträge abhalten und dabei auf Impfungen und andere präventive Maßnahmen verzichten, so würden die Krankheiten schneller wiederkehren, als uns lieb ist.

In den Kreis der Europäischen Völkergemeinschaft sollte kein Staat aufgenommen werden, dessen Verantwortungsträger sich nicht ihrer Geschichte stellen und dessen Bevölkerung mehrheitlich weiterhin international verurteilte Kriegsverbrecher als Helden verehrt. Es verbleibt die Hoffnung, dass der Gedenktag des 11. Juli und die Lehren aus Srebrenica auch bei den Angehörigen des Tätervolkes einen angemessenen Anklang finden. Als Voraussetzung für eine Gesundung und Genesung ihres Volkswesens.

E. Atlagic

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