Muslime und Juden – Erfahrungen aus Bosnien und Herzegowina

Der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust (International Holocaust Remembrance Day) am 27. Januar wurde im Jahr 2005 von den Vereinten Nationen zum Gedenken an den Holocaust und den 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau eingeführt.

Auch in Bosnien und Herzegowina wurde der Opfer des Holocaust gedacht. Dem Gedenktag in der Jüdischen Gemeinde zu Sarajevo wohnte auch das religiöse Oberhaupt der bosnischen Muslime – Großmufti Husein Kavazović – bei.

Großmufti Kavazović beim diesjährigen Gedenktag in der Jüdischen Gemeinde zu Sarajevo

Die Verantwortlichen der Jüdischen Gemeinde versäumten es im Rahmen der Trauerfeier nicht, die bedeutende Rolle der Muslime in Bosnien bei der Rettung von jüdischen Mitbürgern zu unterstreichen.

So war die Familie Hardaga eine von vielen muslimischen Familien, die ihren jüdischen Nachbarn Schutz und Zuflucht boten. Während der Besetzung von Sarajevo durch das mit Nazideutschland verbündete faschistische Ustasa-Regime des „Unabhängigen Staates Kroatien“ war dies ein Akt, bei dem man das eigene Leben aufs Spiel setzte. Das Bild von einer Straßenszene in Sarajevo, auf dem zu sehen ist wie Zejneba Hardaga den gelben „Judenstern“ ihrer jüdischen Nachbarin verdeckt, ging um die Welt.

Zejneba Hardaga (ganz rechts im Bild) verdeckt mit ihrer Kleidung den „Judenstern“ ihrer Nachbarin

Familie Hardaga wurde für ihre Verdienste um das Leben ihrer jüdischen Nachbarn in der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel die Ehrung „Gerechte unter den Völkern“ zuteil.

Das besondere Verhältnis zwischen Muslimen und Juden in Bosnien und Herzegowina wird insbesondere auch durch die Rettung der Sarajevo-Haggada deutlich. Die Haggada ist im religiösen Leben der Juden eine Erzählung und Handlungsanweisung für den Sederabend des jüdischen Pessach-Festes. Erzählt bzw. berichtet wird von der Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei. Aus dem bebilderten Buch wird beim Festmahl mit der Familie gemeinsam gelesen und gesungen. Die Sarajevo-Haggada ist eine ebenso berühmte wie bemerkenswerte Handschrift, ein besonders prachtvolles Exemplar, entstanden in der zweiten Hälfte des 14.Jahrhunderts im spanischen Barcelona. Ihren Weg nach Bosnien und Herzegowina fand die Sarajevo-Haggada mit sephardischen Juden, die infolge der spanischen Inquisition als Vertriebene im damaligen Osmanischen Reich Zuflucht fanden. Sie wird heute im Weltlichen Museum (Zemaljski muzej) in Sarajevo aufbewahrt.

Abbildung in der Sarajevo-Haggada

Die mehr als 500 Jahre alte Sarajevo-Haggada ist nicht nur ein wichtiges Zeugnis jüdischen Lebens und jüdischer Identität in Bosnien und Herzegowina, sondern vielmehr auch ein bedeutendes Relikt europäischer Geschichte. Sie überlebte die spanische Inquisition, den Ersten und Zweiten Weltkrieg und schließlich auch den jüngsten Angriffskrieg gegen Bosnien und Herzegowina in den Neunzigerjahren. Besonders dramatisch war ihr Schicksal während des Zweiten Weltkriegs. Der Befehlshaber der deutschen Wehrmacht auf dem Balkan, Johann Fortner, hatte sich höchstpersönlich in das Zemaljski muzej begeben, um die Sarajevo-Haggada einzufordern. Sie sollte nach Hitlers Vorstellungen zusammen mit anderen Exponaten in einem „Museum für entartete Kunst“ ausgestellt werden, sobald „die Judenfrage gelöst war“. Der damalige Museumsdirektor Jozo Petrović entgegnete Fortner gefasst, dass diese bereits durch einen anderen deutschen Offizier beschlagnahmt worden sei. Gleichzeitig wurde die Haggada durch Derviš Korkut, seinerzeit Kurator des Museums, im Einverständnis mit dem Museumsdirektor aus dem Museum verbracht. Korkut hatte die Haggada unter seinem Mantel versteckt und vertraute sie einem Imam (muslimischen Geistlichen) an, der diese in seine Moscheebibliothek einsortierte, wo sie bis zum Ende des Krieges verblieb.

Derviš Korkut mit Kind und Ehefrau

Dervis und seine Ehefrau Servet leisteten verfolgten Juden weiterhin Hilfe. So konnten sie die junge Jüdin Mira Papos dadurch retten, dass sie sie bei sich zuhause aufnahmen und als ihre muslimische Babysitterin Amira ausgaben. In Korkuts Tat spiegelt sich seine humanistische und antifaschistische Grundeinstellung wieder. Nichtsdestotrotz erklärte ihn die „Volksregierung“ des damaligen kommunistischen Staates Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg zum Nazi-Kollaborateur und verurteilte ihn zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Verurteilt wurde er, weil er es abgelehnt hatte, seine Tat durch einen Beitritt zur Kommunistischen Partei als ideologisch motiviert zu manifestieren. Für ihn war sein Handeln Ausdruck seiner moralischen und religiösen Überzeugung. Da sich die Kommunisten damit nicht abfinden wollten, wurde seine mutige Tat bis zuletzt totgeschwiegen. Die Juden dagegen hatten sie nicht vergessen. In Dankbarkeit für den Mut und die Aufopferungsbereitschaft, bot der Staat Israel Korkuts Nachfahren während der jüngsten kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Balkan Zuflucht in Israel an.

Das mutige und selbstlose Handeln der Familien Hardaga und Korkut kann neuen Generationen in Bosnien und Herzegowina und weit darüber hinaus als vorbildliches Verhalten dienen. Nicht zuletzt haben diese Taten ihren Ursprung in islamischen Grundprinzipien, die Humanismus, Toleranz und Freiheitsliebe zum Gegenstand haben. In Bosnien und Herzegowina werden diese Werte seit Jahrhunderten in einer beispielhaften Art und Weise gelebt. Auch, und in ganz besonderer Art und Weise, im Verhältnis zwischen Muslimen und Juden.

Edin Atlagić

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