Srebrenica – eine Mahnung oder der blinde Fleck Europas Nie wieder?

Im August 1992 erreichten uns Bilder eines Konzentrationslagers im Nordwesten Bosniens. Die Bilder schockierten die Weltöffentlichkeit. Zu sehen sind bosnische Muslime, die ausgemergelt und dem Tode nah hinter Stacheldraht stehen, aus den tiefen Augenhöhlen direkt in die Kamera blickend. Die Bilder ließen Erinnerungen an Aufnahmen aus den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten aufkommen. Berichte erhielt man über diese Konzentrationslager schon vor der Presseveröffentlichung, doch die Hinweise verdichteten sich im weiteren Verlauf des Jahres, dass einige der Lager gezielt dazu benutzt wurden, Muslime zu ermorden. In einigen Lagern wurden muslimische Frauen gezielt vergewaltigt, mitunter wurden sie gezwungen, die Kinder der Vergewaltiger auszutragen.

Selbst nachdem die Bilder sich über die Grenzen verbreiteten, wurde noch nicht verstanden, dass „ethnische Säuberungen“, wie die gezielten Tötungen von Muslimen nun auch in den deutschen Medien euphemistisch genannt wurden, keine Folge eines Bürgerkrieges waren. Sie waren eine Strategie der Aggressoren, die insbesondere eine dauerhafte Art der Gewinnung von Territorium darstellte und dies hieß im multiethnischen Bosnien die Schaffung von homogenen serbischen Gebieten, die an andere serbische Gebiete außerhalb des jungen Staates Bosnien und Herzegowina anschlussfähig waren. Mit der Verwendung des Ausdrucks „ethnische Säuberung“ in den deutschen Medien hatte man nicht nur in zynischer und unkritischer Weise die Sprache der Täter übernommen, man offenbarte auch eine Haltung, die keine war.

Die Perversion dieser Konzentrationslager, vor allem im Nordwesten Bosniens, ist bis heute nicht genügend aufgearbeitet worden, nicht in Bosnien, aber auch nicht international. Für die Überlebenden dieser Lager wirkt es wie Hohn, dass es gerade einmal 25 Jahre nach Trnopolje und Omarska Menschen gibt, die die Existenz der Lager leugnen oder sie als „Flüchtlingsauffanglager“ beschönigen.

Lange noch nach der Ausstrahlung der Bilder in den internationalen Medien wurde der Konflikt eine lange Zeit als eine Bürgerkriegssituation gesehen und nicht als ein grausames Kriegsverbrechen, begangen von Europäern an Europäern, als ein Versuch, eine bestimmte muslimisch-europäische Identität in Europa zu vernichten. Es entstanden muslimische Enklaven inmitten von serbisch dominierten Territorien, denen man den letzten Todesstoß versetzt hatte, indem die Staatengemeinschaft sich eindeutig gegen Luftschläge aussprach und stattdessen von UN-Truppen bewachte Schutzzonen vorschlug, in die sich die Muslime Bosniens begeben sollten, um sich zu retten. Srebrenica, eine solche Schutzzone, wurde genau das Gegenteil. Es wurde zu einem Grab für die Menschen, die sich tatsächlich Sicherheit erhofft hatten.

Präsident Izetbegovic, der angesichts des von außen hineingetragenen Nationalismus stark an der Geschichte und Identität eines multireligiösen und multiethnischen Bosnien und Herzegowina festhielt, richtete eine deutliche Botschaft an die bosnische Bevölkerung und die Staatengemeinschaft. Mit der Einrichtung von Schutzzonen, unter anderem in Srebrenica, hatte die internationale Staatengemeinschaft kapituliert. Es gelte lediglich das Recht des Stärkeren und so mahne er:

„Wenn die internationale Gemeinschaft nicht in der Lage ist, die Prinzipien, die sie sich als Grundlagen auferlegt hat zu verteidigen, dann soll den bosnischen Menschen und der ganzen Welt gesagt werden. Lasst die internationale Staatengemeinschaft einen neuen Verhaltenskodex ausrufen, in dem Gewalt das erste und letzte Argument sein wird.“

Ab dem Frühjahr 1993 bekämpften sich auch Kroaten und Muslime gegenseitig, verübten aneinander schlimmste Verbrechen. Fest stand nach monatelangen Kämpfen, dass in einem Mehrfrontenkrieg den Serben nicht beizukommen war. Verhandlungen führten zur Etablierung einer kroatisch-muslimischen Föderation.

Erst im Mai 1995 erhielt die NATO von den Vereinten Nationen die Genehmigung, mit Luftschlägen auf die serbische Bombardierung Sarajevos zu reagieren. Zu dieser Zeit war Sarajevo bereits die am längsten belagerte Stadt der Neuzeit, ein Todesgefängnis für seine Bewohner. Die Serben reagierten auf die Angriffe, indem sie eingerichtete UN-Schutzzonen angriffen und UN-Soldaten als Geiseln nahmen. Im Juli 1995 konnten serbische Panzer in die Schutzzone von Srebrenica eindringen und niederländische UN-Soldaten als Geiseln nehmen, womit gezielte Luftschläge verhindert wurden. Die Soldaten wurden schlichtweg als menschliche Schutzschild benutzt, während Srebrenica in die Hände der Serben fiel. Unter den Augen der eingeschüchterten niederländischen Soldaten separierten die Serben alle männlichen Bewohner des Ortes von den Frauen und Kleinkindern und verbrachten die Gruppen an verschiedene Orte.  Die Männer wurden zunächst interniert oder nach Todesmärschen in Massenexekutionen hingerichtet. Die niederländische Regierung unter Wim Kok trat im Jahr 2002 zurück, nachdem Rolle der niederländischen Blauhelm Soldaten immer mehr hinterfragt wurde. In diesem Juni wurde in Den Haag den Niederlanden nun offiziell eine Mitschuld an den Kriegsverbrechen attestiert, nachdem das Massaker vom UN-Kriegsverbrechertribunal zuvor als Völkermord und 2007 erneut vom Internationalen Gerichtshof als Genozid klassifiziert wurde. Das verfügbare Bildmaterial zeigt die Soldaten, die gemeinsam mit den serbischen Militärs in Verbrüderung trinken, Geschenke austauschen, sicher eingeschüchtert werden, sich aber durchaus bewusst sind, dass sie Zeuge und Mitwisser einer menschlichen Katastrophe werden würden.

Auf Personen, die versuchten aus der „Schutzzone“ zu fliehen, wurde eine regelrechte Menschenjagd veranstaltet. Die ca. 8000 getöteten Jungen und Männer wurden in Massengräbern verscharrt, teilweise in sekundären und tertiären Gräbern, um das Massaker zu vertuschen. Die männlichen Zweige ganzer Familien fanden ihr Ende. Bis heute hält die Identifizierung von Opfern des Massakers an. Obwohl jedes Jahr neu identifizierte Opfer des Massakers vor den Augen der Weltöffentlichkeit bestattet werden, wird die systematische Vernichtung von Muslimen geleugnet. Es wird gar konstruiert, dass die bosnische Führung selbst das Massaker in Kauf genommen habe, um den Kriegsfeind für alle Zeit zu demütigen. Wir kennen dieses Phänomen, denn es trifft ebenfalls die jüdischen Brüder und Schwestern, deren Gemeinschaft im letzten Jahrhundert vor dem Abgrund und vor der Auslöschung stand. Es ist eine Strategie von Genozid, dass er geleugnet bzw. relativiert wird. Auf diese Weise wirkt er über den Tod der Opfer hinaus.

Wir können nur fassungslos sein, wenn nach dem Zweiten Weltkrieg erneut Zivilisten Ziele der systematischen Auslöschung sind, weil sie einer anderen Ethnie oder Religion angehören. Die postulierte Andersartigkeit der Bosniaken machte ihr Leben in den Augen anderer nicht lebenswert. Die Andersartigkeit dieses kleinen Landes in Europa machte es zur Zielscheibe. Gerade aber diese Andersartigkeiten machte Bosnien in seiner Geschichte zu einem lebendigen Fleckchen Erde für seine Bewohner.

Nicht Srebrenica und nicht die Tatsache von neuen Konzentrationslagern in Europa brachte eine Wende im Verlauf des Krieges. Nach Vorstößen der Serben und drohenden Verlusten auf Seiten der Kroaten, entschlossen sich Muslime und Kroaten einen Waffenstillstand zu vereinbaren. Gemeinsam wollte man gegen eine serbische Dominanz vorgehen.

Die Amerikaner schalteten sich nun aktiv ins Geschehen ein. Es musste eine Lösung des Konflikts gefunden werden, weil das Waffenembargo gegen Bosnien und die aufkommende Frage nach dessen Legalität die politische Glaubwürdigkeit des Westens zu verspielen drohte, da es Bosnien den Aggressoren faktisch schutzlos auslieferte. Nach einem erneuten Artillerieangriff auf Sarajevo mit über 35 Toten und über 80 Verletzten übermittelten die Vereinten Nationen und die NATO General Mladic ein Ultimatum zum Rückzug. Durch das folgende NATO Bombardement musste Mladic einlenken. Die bosnische und die kroatische Seite konnten in der Folge den Serben schwere Verluste beibringen. Eine militärische Niederlage der Serben war nicht fern. Die Amerikaner versuchten daher eine Lösung zu finden, in der Bosnien und Herzegowina erhalten blieb, gleichzeitig aber geteilt wurde und zwar durch eine serbische Republik und eine muslimisch-kroatische Föderation. Diese beiden Entitäten sollten Bosnien und Herzegowina konstituieren, jede Entität mit einem eigenen Parlament, einer eigenen Regierung, einer eigenen Polizei und Armee, aber mit gemeinsamen funktionalen Schnittstellen.

Ein teurer Frieden

Der Vertrag von Dayton beendete 1995 den dreieinhalbjährigen Krieg in Bosnien und Herzegowina, schrieb aber eine verfahrene Situation fest. Wiederholt haben Vertreter Serbiens sowie der Entität Republika Srpska die Funktionalität, gar den Sinn des Staates Bosnien und Herzegowina bezweifelt, Verbrechen gegen die Menschlichkeit geleugnet oder relativiert. Die Vertreibung und Vernichtung von Muslimen, gerade im Nordwesten Bosniens wurde durch den Vertrag von Dayton gewissermaßen zementiert. Das Morden bildete die Basis für ganze Orte, deren Demographie verändert wurden und die nun der Entität der Republika Srpska angehörten.

Aktuell ist die Weltgemeinschaft mit dem Fall Syrien beschäftigt und auch hier ergeben sich auffallende Parallelen zur Geschichte des Bosnienkrieges. Belagerte Städte, die Diskussion über Luftschläge Seitens des Westens sowie über ein Waffenembargo dauern an, während die Zivilbevölkerung, gefangen im eigenen Land, hilflos bleibt. Wie für Bosnien wird auch für Syrien gelten, dass ein Waffenembargo die Gewalt nicht verhindern konnte, sondern eher verschärft. Indem man der bosnischen Regierung das Recht auf Selbstverteidigung nahm, verlängerte die Staatengemeinschaft das Leid der Bevölkerung und konfrontierte die bosnischen Muslime mit Gotteskriegern, denen es nicht um die Freiheit Bosniens ging, sondern um ihren falsch verstandenen Glauben, indem sie sich als Söldner Gottes verstanden. Immer noch wird den bosnischen Muslimen vorgeworfen, dass sie diese Krieger auf dem eigenen Boden kämpfen ließen und leider wird dies, wie die vielen anderen Mythen, dergestalt in eine Islamkritik eingebunden, in der der Genozid an Muslimen in Bosnien erneut zur Disposition gestellt wird.

Muslime und Juden und der „blinde Fleck“ in der Geschichte

In gewisser Weise ist diese schreckliche Erfahrung und auch die Tatsache, dass die jüdische und islamische Gemeinschaft Bosniens wunderbare Beziehungen miteinander pflegten ein blinder Fleck der Geschichte. Denn während des Krieges litten alle Bosnier, so auch die jüdische Gemeinde. Die jüdische Organisation „La Benevolencija“, eine der ältesten karitativen Einrichtungen des Balkans rettete während des Bosnienkrieges zehntausende Menschen vor dem sicheren Tod – in der Erkenntnis, dass sich die Geschichte sich in Form von Konzentrationslagern und sogenannten „ethnischen Säuberungen“ wiederholte.

Eine Hauptstraße Sarajevos trägt den Namen dieser jüdischen Organisation. Andere Straßen sind nach bosnischen und ausländischen Juden benannt: beispielsweise nach Kalmi Baruh, dem bosnischen Pionier der Sephardischen Studien in Bosnien; nach Susan Sonntag, die während des Krieges Becketts “Warten auf Godot” in Sarajevo inszenierte, eine Metapher für die Hoffnungslosigkeit angesichts des Wartens auf das Morgen und auf die Hilfe der Weltgemeinschaft.

In Bosnien und auf europäischer Ebene stärken sich Juden und Muslime gegenseitig, um miteinander Antisemitismus und Islamophobie zu bekämpfen – dies angesichts gemeinsamer historischer Erfahrungen von Genozid. Es wäre wichtig, diese historische Gemeinsamkeit herauszuarbeiten und sie nicht vergessen zu lassen. Wir müssen die Erfahrung des systematisch zugefügten Leids fruchtbar machen für den Dialog der Völker und Religionen auf der Welt. Dieses ist unsere Aufgabe, um die Toten nicht zu vergessen und es ist unsere Pflicht gegenüber den Überlebenden und ihren Nachfahren.

Der New Yorker Rabbi Arthur Schneier, ein Holocaust-Überlebender, besuchte im Juli 2012 das Massenbegräbnis neu identifizierter Opfer des Genozids von Srebrenica. Die Trauernden begrüßte er mit einem “Shalom” und “Salam” und sprach zu seinen “Brüdern und Schwestern”, muslimischen Angehörigen der Opfer des Genozids. Schneier erinnerte daran, dass zur gleichen Zeit des Gedenkens Menschen in Syrien starben und schloss seine Rede mit den Worten:

“Es ist Zeit für die Menschheit mit einer deutlichen Stimme zu sagen: Diese Verbrechen gegen Menschen werden enden! Hier und an diesem heiligen Tag sagen wir: ‘Nie wieder!’ und wir meinen ‘Niemals wieder!’“

Die Verbindung der gemeinsamen Erfahrung von Juden und Bosniaken stellen einige Worte dar, die der ehemalige Großmufti Bosniens Dr. Mustafa Cerić bei einem Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau sagte:

“Wir müssen mehr lernen über Holocaust und Genozid, nicht lediglich im Sinne von historischen Fakten, sondern als ein Mittel, um unseren Kindern die Gefahren von Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie und anderen Beispielen menschlicher Intoleranz zu verdeutlichen. Wir müssen jüngeren Generationen lehren, Demokratie und Menschenrechte wertzuschätzen und sie ermutigen, Hass, Intoleranz und ethnische Konflikte abzulehnen, damit ‘NIE WIEDER’ Realität wird, damit weder Auschwitz, noch Srebrenica jemals wieder passieren.”

Lehren müssen aus den Verbrechen gezogen werden. Das Leid muss besprochen werden, damit durch diesen schmerzhaften Prozess etwas Besseres entstehen kann. Durch die Leugnung des Völkermordes seitens serbischer und bosnisch-serbischer Politiker lernen bosnische Kinder zwei Geschichten in den Schulen Bosnien und Herzegowinas: die Geschichte der Opfer und die Geschichte der Täter, die sich weigern, um Versöhnung zu bitten. Was passiert ist, kann nicht ungeschehen gemacht werden, aber alle, Opfer und Täter, sind verpflichtet, sich dem schmerzlichen Prozess der Versöhnung zu stellen, denn die Alternative will niemand, nie wieder.

Ein Plädoyer wider den Missbrauch der Worte von der christlich-jüdischen Tradition

Die gebetsmühlenartige Wiederholung der Phrase über die christlich-jüdische Tradition Deutschlands oder Europas erscheint wie eine Beleidigung, dient sie bisweilen der Kulturalisierung einer islamophoben Haltung, eines exklusiven Anspruchs auf Deutungshoheit in den Debatten, die unsere Zeit bestimmen. Sie wirkt höhnisch angesichts des vernichteten jüdischen Lebens auf diesem Kontinent. Sie zeugt auch von einem Geschichtsrelativismus sowie von einer Unkenntnis darüber, was Europa ist und was die europäische Vision Muslimen in Europa, unter anderem in Bosnien und Herzegowina, bedeutet: Frieden, Sicherheit und Koexistent in Vielfalt. Wie kann eine solche Beleidigung angesichts des Holocausts und auch angesichts eines neuerlichen Genozids auf dem Balkan in einem Europa nach 1945 bestehen bleiben? Wo ist das europäische Gedächtnis? Jedes Mal, wenn die postulierte christlich-jüdische Tradition für Argumentationslinien im politisierten Sinne herangezogen wird, dann muss die Geschichte gehört werden, dann müssen wir über den Holocaust reden, über die Gräuel des Bosnienkrieges und neuerdings auch über Syrien, denn auch hier wird die christlich-jüdische Tradition bemüht, denn Demokratie und Freiheit, zu Worthülsen geworden, werden vereinnahmt, Muslime kategorisch aus einem europäischen Wertedialog ausgenommen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Europa solle eine Tradition der Versöhnung schaffen, in der jeder Schmerz erfahren hat und viele Schuld auf sich geladen haben und uns allen die Verantwortung des Bewusstseins darüber aufgebürdet wurde als Mahnung für die Welt.

Was meine ich, wenn ich die Geschichte der guten Beziehungen zwischen Muslimen und Juden in Bosnien als einen blinden Fleck bezeichne? Der Begriff „blinder Fleck“ stammt aus der Psychologie. Der blinde Fleck, die Verdrängung des Geschehenen, kann unter Umständen die Psyche eines Menschen retten, um traumatische Erlebnisse zu verdrängen, damit ein Überleben nach einer Katastrophe möglich wird. Doch er gefährdet Menschen, wenn dieser Verdrängungsmechanismus benutzt wird, um gegen andere zu polemisieren und Hass zu entfachen und ihnen ihre Rechte, gar ihre Existenz, abzusprechen: Europa verordnet sich selbst eine Schizophrenie, wenn es blinde Flecke für sich zulässt. In einem säkularen Europa wäre es angebracht, die Dinge nicht lediglich europäisch oder national zu behandeln oder durch die Brille einer religiösen Tradition. Spricht man in Deutschland und Europa von “christlich-jüdisch-abendländischer Kultur”, so betreibt man einen Geschichtssarkasmus, verleugnet die eigene Geschichte und die aus ihr resultierende Verantwortung in Gegenwart und Zukunft und missbraucht die Religion für eine irreführende politische Rhetorik. Wäre man gewillt die blinden Flecke zu beleuchten, dann ergäbe sich das Potential einer gesunden europäischen Auseinandersetzung mit dem Islam. Ja, der Holocaust ist ein singuläres Phänomen, dessen Tragweite wir nicht begreifen wollen, doch auch Srebrenica ist eine Singularität, ein schwarzes Loch, in dem Hass und Unmenschlichkeit kulminierte und die Frage nach Gott akut wurde.

Europäische Geschichte ist auch Srebrenica, Teil dieser europäischen Geschichte ist Bosnien. Wenn wir blinde Flecke zulassen, dann leugnen wir Europa selbst, dem ein autochthoner europäischer Islam bereits innewohnt: ein Islam, der europäische Geschichte und Erfahrungen geatmet hat, dessen Anhänger als Muslime schon immer Europäer waren, weil es europäische Erde ist, die sie seit Jahrhunderten nährt, weil sie Rousseau und Kant lesen; weil sie Faschismus und Kommunismus erlebt haben; weil sie sich gegen einen gegen Europa gewendeten Fanatismus religiöser und politischer Art erwehren; weil sie am Abgrund standen und eben doch die Frage nach der Ursache des Leids auf der Welt stellen. Leid als Gottes Prüfung? Dürfen wir dankend darauf verzichten? Gerne können wir auf Leibnitz’ Postulat über „die beste aller möglichen Welten“ verzichten, wenn Menschen nicht in der Lage sind, diese beste Welt nicht für sich zu realisieren. In Leibnitz’ Welt wäre wenig Platz für die Frage nach dem warum oder ob es wieder passieren kann oder für die Frage etwa, ob wir irgendetwas tun können, damit es niemals wieder passiert. Die beste Welt ist die, die sich verändert, die lernt und Wunden heilen lässt und ihre Narben nicht verbirgt, sondern Geschichte mit ihnen erzählt, Erfahrungen teilt und dazu gehört auch die Erfahrung europäischer Muslime.

Diese Muslime Europas müssen sich das Europäer-Sein nicht mehr verdienen – sie waren es stets! Die Leugnung dieser Tatsache ist Wasser auf den Mühlen derjenigen gewesen, die auf dem Balkan nicht etwa einen Krieg gegen die Muslime führten, sondern gegen Bosnien – gegen das kleine Europa mit seiner Vielfalt und friedlichen Koexistenz der Religionen. Sie griffen damit unser gemeinsames und vereintes Europa an, unser aller Heimat, doch Europa hat sich selbst nicht in den europäischen Muslimen gesehen, es sieht sich zum Teil heute nicht in ihnen. Dies ist ein blinder Fleck, den wir gemeinsam beleuchten sollten.

Daniel Roters (geb. 1984) ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Islamische Theologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Er promoviert zur Frage von Leid aus islamischer Perspektive. Ein Teil seiner Familie stammt aus Prijedor, Bosnien und Herzegowina.

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